"Basis und Stützpfeiler" geehrt

Als streitbare Gewerkschaft zeigte sich Verdi bei der Ehrung langjähriger Mitglieder. Selbstbewusst erklärte Festrednerin Irene Salberg: "Streiken und Feiern gehören zur Gewerkschaft."

Auf eine lange Tradition blickt die Jubilarehrung des Verdi-Ortsvereins West im Gasthof "Weißes Roß" zurück. 17 von 55 Geladenen dankten Amtsträger der Gewerkschaft für ihren Beitrag dafür, "dass Arbeitnehmer nicht unter die Räder gekommen sind". Salberg, Vorsitzende des Verdi-Ortsvereins Regensburg, rief dazu auf, sich ein Beispiel zu nehmen an vorausgegangenen Generationen, aus den Wurzeln zu lernen, niemals aufzugeben und nicht zu resignieren.

Salberg, DGB-Sekretär Peter Hofmann hatte sie ein seinem Grußwort als "Kämpferin mit sehr aggressiven Reden" angekündigt, nahm die Mitgliedsjahre der Jubilare zum Anlass, auf die jeweiligen historischen Gegebenheiten und Ereignisse zu erinnern. Die 1950er Jahre beschrieb sie als Zeit, in der der Hilfsarbeiterlohn 1,76 Mark betrug und eine Oktoberfest-Mass zwei Mark kostete. Die Notstandsgesetzgebung und die Wahl Willi Brands zum Bundeskanzler ordnete sie der Zeit vor etwa 50 Jahren zu. Vor etwa 40 Jahren sei nach einem wochenlangen Druckerstreik die 38- und die 35- Stundenwoche eingeführt worden. Den 1990er-Jubilaren rief sie den Fall des Eisernen Vorhangs und den Gewinn der Fußballweltmeisterschaft gegen Argentinien in Erinnerung.

Die aktuelle Situation war für Salberg Anlass, zum Kampf gegen die Schließung von Verwaltungs- und Dienststellen aufzurufen. Sie wandte sich kurz den Tarifverhandlungen der Kliniken AG zu und erklärte: "Wer so viel weiß und schuftet, muss vernünftig bezahlt werden." Den Beschäftigten der Stationierungsstreitkräfte bescheinigte sie: "Hut ab vor euch." In einer Rückschau zählte die Rednerin soziale Leistungen auf, die gemeinsam erkämpft wurden. Anklagend stellte sie einen europaweiten Vergleich von Nettolöhnen an, in dem "Deutschland in Alteuropa an letzter Stelle steht". Andererseits gebe es außer der Schweiz und Japan kein Land mit so wenigen Streiktagen wie Deutschland. Es sei daher nicht verwunderlich, dass die Öffnung der "Schere arm-reich" stets weiter werde. Mit "es ist Geld genug da, nur falsch verteilt", forderte sie eine Reichensteuer, wie in anderen Ländern.

Hart ging Salberg mit der Bundesregierung ins Gericht und beklagte: "Die Politik missachtet das Grundgesetz!" Obwohl die Regierung wusste, dass das Volk gegen die "Ruhestandsgrenze 67" ist, sei die Vorgabe "Alle Macht geht vom Volk aus" nicht berücksichtigt worden. Sie prangerte die Rettung maroder Banken an und bezeichnete es als "Schande für eines der reichsten Länder der Erde", wenn jeder siebte Haushalt als arm oder armgefährdet gilt.

Die Regensburgerin wünschte sich mehr Mitglieder, "die auch streiken können und vermehrt kampfbereit sind". Sie rief dazu auf, auf die Politik mehr Druck auszuüben. Nicht ausklammern wollte sie die aktuelle Flüchtlingslage. In ihrer Hintergrundanalyse rieb sie sich an den deutschen Rüstungsexporten und folgerte: "Wer Kriege sät, wird Flüchtlinge ernten." Ortsvereinsvorsitzender Thomas Beitz bescheinigte den Jubilaren, dass sie mit Verdi Arbeitskämpfe ausgefochten und um bessere Bedingungen am Arbeitsplatz gekämpft haben. Die gemeinsame Aufgabe sah er darin, sich einzumischen und nicht wegzuschauen, wo andere aufgeben. Er interpretierte den Begriff tapfer und wertete Tapferkeit als Zivilcourage. Dritter Bürgermeister Klaus Lehl bescheinigte den Jubilaren: "Ihr habt als Basis und Stützpfeiler stets Flagge gezeigt."
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