Beim Seminar „ewigleben“ bedenken Männer ihre Endlichkeit und Ziele
Sich Zeit nehmen für das Leben

Mit Farbe und Pinsel werden Grabstelen aus Eichenholz verziert. Symbole und Sätze aus der Bibel dienen als Zeichen der Hoffnung.
 
Die Teilnehmer vernuten die Seitenteile des Sargs. Während des Schreinerns wird kräftig diskutiert: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Wie nutze ich die Lebenszeit, die mir noch geschenkt ist?

"Nachdem wir 55 Minuten miteinander im Gespräch waren, müsste der Sand des Stundenglases in fünf Minuten durchgelaufen sein. Lasst uns diese verbleibende Zeit doch einmal schweigen." Der ungewöhnliche Vorschlag findet Zustimmung. Und so sitzen 16 Männer in einem Gemeindehaus bei Dinkelsbühl einfach nur da - und schweigen.

Sich Zeit nehmen für die Stille, an diesem Abend tut das gut. Die Gedanken gehen zurück zu der Wegstrecke, die bewältigt wurde, um hierher zu kommen. Ein Teilnehmer reist sogar aus Plön in Schleswig-Holstein nach Dinkelsbühl an. Während des Schweigens tauchen noch einmal Bilder vom Friedhof in Segringen vor dem inneren Auge auf, den die Teilnehmer zur Einstimmung durchlaufen sind. Die Kreuze, alle gleich gestaltet, erinnern daran, dass alle Menschen gleich sind, wenn es heißt, das letzte Mal Atem zu holen.

Der kurze Stopp in der Aussegnungshalle, der anrührende Austausch über persönliche Abschiedserfahrungen. Die Sanduhr als Symbol für die verrinnende Zeit. Fünf Minuten Stille, die verbinden - als Gruppe und als Menschen, die unterschiedliche Lebensstationen hinter sich haben.

Sich Zeit einzuräumen, eröffnet heilsame Räume. Aus ganz Deutschland sind sie gekommen, 16 Männer im Alter zwischen 30 und 81 Jahren, vom Kfz-Sachverständigen und Tierarzt bis zum Anwalt und Pfarrer, alle jedoch ein Ziel im Blick: Das Leben zu bedenken - wo komme ich her und wie geht es weiter? Die eigene Endlichkeit begreifen als Teil des Daseins, aber auch die Jahre in den Blick nehmen, die jedem Einzelnen (hoffentlich) noch geschenkt sind. Das Seminar vom Amt für Gemeindedienst Nürnberg, Referat "Männerarbeit", entstand aufgrund von wissenschaftlichen Studien. Umfragen unter Männern zeigen: Sie kommen am besten über gemeinsames Tun ins Reden.

Ein Wochenende lang Zeit für heilsame Erfahrungen: Am Samstag werden in der Sargfabrik Hans Wendel in Botzenweiler Särge gezimmert, Stelen gesägt und Kreuze mit Symbolen verziert. Vielfältig werden die künstlerischen Andeutungen sein, mit denen die christliche Hoffnung auf Auferstehung oder aber auch der Verweis auf ein zu erwartendes Nichts ihren Ausdruck finden.



Der Titel des Seminars "ewigleben" ist bewusst zweideutig: Wir werden nicht ewig leben, und doch gibt es mehr als unsere irdische Existenz. Ewigkeit, welch ein Wort. Für beide Themenfelder ist an diesen Tagen Zeit. Für Endlichkeitserfahrung, Krankheit, Enttäuschung, Verlust von Partner, Verwandten oder Freunden. Auf der anderen Seite aber auch für all die "himmlischen" Momente, die uns schon im Jetzt bestärken und "be-Geist-ern".

"Ich möchte am liebsten ewig leben", meint ein Teilnehmer aus der Oberpfalz nach den handwerklichen Mühen in der Sargfabrik. Und fügt hinzu: "Das Leben auskosten mit all seinen Facetten ist doch schön!" Aber auch die "schweren Kisten" werden geöffnet und besprochen, beim Sägen, Feilen, Schleifen, Verzieren, Bemalen und Fräsen, wenn so richtig die Späne fliegen. Wie ist es, wenn ich sterbe? Werde ich alleine sein oder im Kreis der Familie? Kann ich eventuelle Schmerzen ertragen oder flehe ich um Sterbehilfe? Und: Gibt es überhaupt ein Danach?

Am Samstagnachmittag ist Zeit, um Kreuze und Grabstelen aus Eichenholz herzustellen. Die Teilnehmer schmücken ihre Werke mit Zeichnungen, Abbildungen von Labyrinthen oder Gestirnen, mit Tauf-, Konfirmations- oder Trausprüchen und geben ein wenig Einblick in ihr Leben. Sie reflektieren ihre Geschichte und begreifen Biografie mit den Händen. Hinter ihnen liegende Wege werden mit Pinsel und Farbe nachgezeichnet und Zukunft symbolisch in Szene gesetzt. Konzentriert vertiefen sich die Männer in ihre Welt, die noch offen ist für Überraschungen. "Dieser Stern ist die Freundin meines Sohnes. Es gibt sie noch nicht, aber ich wünsche es ihm so sehr", sagt ein 51-Jähriger.

Nach dem Gottesdienst am Sonntag sitzen die Männer noch einmal zusammen und schreiben. Jeder verfasst einen Brief, adressiert an sich selbst: Wie waren diese Tage in Dinkelsbühl? Welche Weichen möchte ich noch stellen? Ein versöhnendes Gespräch mit der Schwester führen? Ein lange anvisiertes Hobby angehen? Was ist dran in den nächsten zwölf Monaten? Ein Ziel wird festgehalten und landet nach einem Jahr wieder in meinem Briefkasten. Was ist daraus geworden, aus den Wünschen und Visionen von heute? Eines ist klar: Nicht immer ist es die Zeit, die alle Wunden heilt. Aber sich Zeit zu nehmen für das Leben - mit all seinen Wundern und Wunden - ist immer heilsam.
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