Bilder einer weißen Finsternis

In der Seele des oft als betulich abgetanen Adalbert Stifter sah es finster und bedrohlich aus.

Im Herbst 1866 verbringt der Schriftsteller Adalbert Stifter einige Wochen im Bayerischen Wald. Als die Nachricht eintrifft, zu Hause in Linz sei seine Frau erkrankt, will er abreisen. Doch ein Schneesturm macht die Wege unpassierbar. Petra Morsbach drehte eigensinnig einen Film über den eingeschneiten Dichter.

Manchmal gibt es Vorhaben, die muss man einfach machen. Auch wenn alle davon abraten. Eine solch "fixe Idee" war für die Romanautorin Petra Morsbach der Plan, einen kleinen, aber feinen Film über Adalbert Stifter zu drehen. Ohne Filmfirma im Rücken, ohne ausreichende Finanzmittel (der letztjährig an sie verliehene Jean-Paul-Literaturpreis ging dabei drauf) und mit nur geringer Dreh-Erfahrung ging sie ihr Projekt in Art der guten, alten Autorenfilmer an. Nach dem Motto: Wenn man schon nichts hat, macht man halt gleich alles selber, Drehbuch, Regie, Produktion. Denn: Man hat ja stattdessen ein klare Vorstellung.

Seele hängt an der Gegend

Die muss der Autorin vor Augen gestanden sein, seit sie das erste Mal Lackenhäuser sah, jenen Weiler hoch droben am Fuße des Dreisessels. Im dortigen Rosenberger Gut eines befreundeten Kaufmannes war Stifter oft, hier entstanden Teile des "Witikos" und des "Nachsommers", seine ganze Seele hänge an der dortigen Gegend, schrieb er. Und das trotz - oder vielleicht gerade wegen - eines Erlebnisses, das zur größten Krisis in Stifters Leben führte. Er erlebte hier ein Naturereignis apokalyptischen Ausmaßes. 72 Stunden lang soll es ununterbrochen geschneit haben, in jenem Winter 1866, der den Rahmen von Petra Morsbachs Film "Der Schneesturm" abgibt. In 1000 Jahren werde so etwas nicht wieder vorkommen, schrieb Stifter in seiner Erzählung "Aus dem bairischen Walde".

Die dort heraufbeschworene "weiße Finsternis" setzt Kameramann Michael Wolf in grandiose Naturbilder um, teilweise mit Überblendungen und Verfremdungen arbeitend, denn eines soll klar werden: Im Grunde handelt es sich um innere Seelenbilder desjenigen Mannes, der nur mehr eineinhalb Jahre hatte, bis er sich eigenhändig die Kehle aufschnitt.

Ein Zerrissener

Stifter war gegen Ende seines Lebens ein Zerrissener und wahrscheinlich tief unglücklich, nur ließ er davon nie das Geringste nach außen dringen. Kein sanftes Gesetz, aber ein sanfter Wahnsinn muss in ihm gewütet haben, der sich höchst beeindruckend im Gesicht von Morsbachs Stifter-Darsteller Christoph Maltz widerspiegelt. Normalerweise leitet er das Puppentheater Lari-Fari in Regensburg, hier gibt er - mit dem typischen Backenbart dem Original verblüffend ähnlich sehend - einen überzeugenden Stifter.

Und zwar einen nicht in der Midlife-Crisis, sondern in der Endlife-Crisis. Als schrankenloser Frust-Esser hatte Stifter große gesundheitliche Probleme, das kinderlose Eheleben mit Amalia war freudlos und trist, ein ins Haus genommenes Ziehkind beging wahrscheinlich Selbstmord. Und auch als Schriftsteller ging es immer mehr bergab.

Während seines Eingeschneitseins schrieb Stifter die Erzählung "Der fromme Spruch", in der es wieder einmal, wie so oft bei diesem Autor, um die strikte Bändigung aller Gefühle geht. Petra Morsbach durchschießt die Lackenhäuser-Rahmenerzählung nicht nur mit Bildern vom Ehealltag in Linz, sondern auch mit Szenen aus jenem "Frommen Spruch", die allerdings seltsam hölzern wirken. Der reale Text wurde damals zur Publikation abgelehnt - etwas, was Stifter noch nie erlebt hatte.

Gescheiterter Mensch

Das, was man ihm vorhielt - dass alles unsäglich langweilig, steif und unnatürlich sei - , imaginiert der Autor im Film als einen gehässigen Kritikerchor, der ihn in kreiselnden Bewegungen immer tiefer in den schon meterhoch aufgetürmten Schnee sinken lässt. Stifter als gescheiterter Mensch und abgelehnter Autor, über den der Schneesturm hinwegbläst! Dass die eindrücklichen Filmbilder von der großen Musikliebhaberin Petra Morsbach unter anderem mit Passagen aus Ludwig van Beethovens vorletztem Streichquartett "Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit" unterlegt sind, könnte man beinahe schon als sarkastischen Kommentar deuten.

Irgendwann hört der Schneesturm zwar auf und der "Befreite" stapft gen Tal. Aber dort erlebt er dann, was der Film nicht mehr zeigt, erst den totalen Zusammenbruch. Stifter kollabierte regelrecht, physisch wie psychisch, und halluzinierte weiter das Geschehene. "Ich sah buchstäblich das Lackenhäuser-Schneeflirren durch zehn bis vierzehn Tage vor mir. Und wenn ich die Augen schloss, sah ich es erst recht."

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Filmpräsentationen gibt es am 12. Oktober im Münchner Arena-Filmtheater, am 19. Oktober ( 11 und 14 Uhr) sowie vom 20. bis 22. Oktober (jeweils 18 Uhr) im Regensburger Andreasstadl (Andreasstraße 28), sowie am 31. Oktober in Monigottsöd bei Passau. Außerdem zu den normalen Öffnungszeiten im Stiftermuseum in Lackenhäuser.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.derschneesturm.de
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