Blinde Zerstörungswut

Altbürgermeister Johann Walbrunn (links) begrüßte im vollbesetzten Kultursaal des Stadtmuseums Dr. Wolf-Dieter Hamperl (Zweiter von links). Bild: tu

Der Vortrag passte wie das i-Tüpfelchen auf die noch bis 25. Oktober laufende Sonderausstellung "Blick nach Böhmen". Dr. Wolf-Dieter Hamperl sprach über "Die verschwundenen Dörfer im ehemaligen Bezirk Tachau im südlichen Egerland".

Pleystein. (tu) Der fast zweistündige Vortrag Hamperls faszinierte im Stadtmuseum 70 Zuhörer, darunter zahlreiche ehemalige Sudetendeutsche. Veranstalter war der Museumsarbeitskreis. Der versierte Referent stellte die Zerstörung und den Verfall der Egerländer Kulturlandschaft im Zentrum Europas nach 1946 in den Mittelpunkt seiner Ausführungen: "Folge dieses gewaltsamen, fast totalen Bevölkerungstransfers nach Kriegsende 1945 waren der Ruin der in vielen Jahrhunderten von der Egerländer Bevölkerung geschaffenen Kulturlandschaft in Nordwestböhmen."

Nicht wieder gutzumachen

Der 1943 in Zummern bei Haid geborene Referent kam durch die Vertreibung 1945 mit seiner Familie nach Waidhaus. Seit 1992 lebt er in Altenmarkt an der Alz im Landkreis Traunstein. Er ist seit Jahrzehnten Vorsitzender des Heimatkreisvereins Tachau mit Sitz in Weiden, hat zahlreiche Publikationen über seine frühere Heimat verfasst, darunter auch ein Werk über verschwundene Dörfer im ehemaligen Bezirk Tachau.

Hamperl betonte, dass die Zerstörung jener Kulturgüter in den ehemals von Deutschen besiedelten Randgebieten und Sprachinseln in Böhmen seit der Wende 1989/90 zunehmend auch Tschechen bedauerten. Die von den Deutschböhmen geschaffenen Kulturgüter, egal ob es sich um die Kultivierung der Landschaft, die barocke Wallfahrtsanlage Maria Loreto in Haid oder um die Gemälde von Professor Franz Rumpler aus Tachau handle, seien Bestandteil böhmischer Kultur. "Ihre blinde Zerstörung und der geduldete Verfall werden heute auch von den Vertretern der jüngeren tschechischen Generation als ein nicht wiederbringbarer Verlust empfunden."

Teil der eigenen Kultur

Aus politischen Gründen und aus unverständlichem Hass habe man systematisch Museen, Kirchen, Schlösser, Villen und Häuser beraubt und die Gegenstände verkauft, teilweise sogar in staatlichen Betrieben an den internationalen Kunst- und Antiquitätenhandel. "Letztendlich zerstörte man damit nicht eine fremde Kultur, sondern einen Teil der eigenen." Zwischen 1945 und 1955 seien folgende Ortschaften und Einöden dem Erdboden gleichgemacht worden: Paulusbrunn, Hermannsreith, Baderwinkel, Wittichsthal, Vorder- und Hinterpaulusbrunn, Goldbach, Inselthal, Neuwindischgrätz, Paulushütte, Böhmischdorf, Waldheim, Altfürstenhütte, Altpocher, Böhmisch-Neuhäusl, Neufürstenhütte, Josefsthal, Leierwinkel, Neulosimthal, Neuhütte, Rendezvous, Kollerhütte, Reichenthal, Ernestinenhammer, Neuhäusl, Petlarnbrand, Ströbl, Neudorf, Nowohradsky, Dianaberg, Mühlhäuseln, Altglashütte, St. Apollonia, Wusleben, Purschau, Wosant, Helldroht, Wandermühle, Sorghof und Steinhof. Bis 1984 seien 1049 Ortschaften als verschwunden registriert worden.
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