Blutige Orgie

Er stammte aus dem pommerschen Rudolfswalde. Nahezu fünf Jahre lang war Victor von Gostomski während des Nazi-Regimes in der Berliner Haftanstalt Plötzensee eingesperrt. Was er dort erlebte, hat der 1992 verstorbene Verleger und Mitbegründer des Verlagshauses "Der neue Tag" später oft erzählt und seinen Bericht als Mahnung verstanden.

Der grüne Leitz-Ordner tauchte plötzlich auf, als Bärbel Panzer, die Tochter Victor von Gostomskis, in diesen Tagen auf Spurensuche ging. In ihm ist das Vermächtnis ihres Vaters sorgsam abgeheftet und dokumentiert. Gostomski, aus einer kinderreichen pommerschen Familie stammend und zeitlebens am katholischen Glauben orientiert, hat seine erschütternden Berichte selbst auf der Schreibmaschine verfasst. Sie stellten wohl die Grundlage für das von ihm später herausgegebene und viel beachtete Buch "Der Tod von Plötzensee" dar.

Victor von Gostomski, so erinnert sich seine Tochter, hatte Flugblätter verteilt, die sich gegen Hitler und dessen braune Gefolgschaft richteten. Daraufhin kam er, der damals bei einem Verlag im sächsischen Chemnitz arbeitete, in die berüchtigte Haftanstalt Berlin-Plötzensee.

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Was er dort erlebte, war eine blutige Orgie menschenverachtender Grausamkeiten. Denn Plötzensee war ein Ort, an dem die Nazis Kritiker und Gegner ermorden ließen. Zwischen 1933 und 1945 wurden in Plötzensee 2981 Menschen durch den Strang und auf dem Schafott hingerichtet.

"In den letzten zwei Jahren meiner Haft war ich als Bibliothekar des Todeshauses IV in Plötzensee tätig", schreibt Vicor von Gostomski in seinen Aufzeichnungen. In dieser Eigenschaft kam er oft mit Todeskandidaten in Berührung. "Ich ging dazu über, Abschiedsbriefe, Kassiber oder Zettel zu sammeln, die sie mir heimlich zusteckten", steht in den schriftlich abgefassten Erinnerungen. Dann, nach einem Luftangriff, kam Gostomski auch in den Besitz des sogenannten Hinrichtungsbuchs. Er versteckte es zusammen mit anderen Dokumenten.

Die Unterlagen deponierte der Mann aus Pommern später im Haus des katholischen Anstaltspfarrers Peter Buchholz, vergrub sie im Garten des Anwesens. "Nach dem Krieg konnten diese Dokumente gerettet werden", kann man in Victor von Gostomskis Bericht lesen. Er selbst, so weiß seine Tochter Bärbel Panzer, hat später viele Familien besucht und ihnen die Abschiedsbotschaften ihrer Angehörigen persönlich überbracht.

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Erinnerung an Pommern

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Die US-Militärregierung bot Victor von Gostomski nach Kriegsende an, eine Zeitung herauszugeben und gab ihm dafür drei Orte zur Wahl. Er entschied sich für Weiden, weil ihn diese Stadt und ihre Umgebung an seine Heimat in Pommern erinnerte. Gostomskis Gründerpartner war im Jahr 1946 der Journalist Anton Döhler. Einige Zeit darauf kam Dr. Hans Nickl als weiterer Verleger hinzu.

Wann immer es ihm möglich war, erhob Victor von Gostomski mahnend das Wort. Was er in Plötzensee sah, übersteigt menschliche Vorstellungskraft. Er schreibt in seinen Aufzeichnungen: "Allein zwischen April 1942 und September 1943 wurden laut Hinrichtungsbuch mehr als 1100 Frauen und Männer hingerichtet." Getötet durch eine Mörder-Maschinerie, die keine Gnade kannte. Auch Victor von Gostomski fürchtete um sein Leben. Doch ihn, von 1941 bis Anfang 1945 in Plötzensee eingesperrt, verschonten Hitlers Gefolgsleute. Fraglos aber ist, dass sie auch Gostomski ermordet hätten, wenn dessen Bemühungen um die Bewahrung wichtiger Dokumente bekannt geworden wären.

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Tod durch den Strang

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Als Häftling hat der spätere Verleger auch sogenannte "Sonderaktionen" in seinem Tagebuch festgehalten. Dazu gehörten die Exekutionen von Männern, die der Operation "Walküre" und damit dem missglückten Anschlag auf Hitler am 20. Juli 1944 angehörten. "Sie starben nicht auf dem Schafott, sondern durch den Strang", steht in den Tagebuchaufzeichnungen. "Diese Hinrichtungen sind sogar gefilmt worden, damit sich der Tyrann am grausamen Tod seiner Widersacher weiden konnte".

Danach folgt ein Satz, den Victor von Gostomski gleichsam als Vermächtnis an seine spätere Ehefrau Marielouise, an seine Tochter und deren Ehemann, seine Enkel und an Menschen hinterließ, die das Glück und die Gnade hatten, nach 1945 geboren zu werden: "Meine Notizen offenbaren die Szenerie des Schreckens hinter Kerkermauern aus jenen dunklen Tagen. So, wie ich alles als Häftling in Berlin-Plötzensee gesehen und erlebt habe."

Vor 70 Jahren wurde Deutschland von der Nazi-Herrschaft befreit. Ein Tag, an dem zu erinnern ist an alle, die dem braunen Regime zum Opfer fielen. Ein Anlass aber auch, um ins Gedächtnis zu rufen, dass es Menschen gab, die sich dem Terror widersetzten, überlebten und später nicht müde wurden, vor brauner Ideologie zu warnen. Einer von ihnen war Victor von Gostomski.
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