Blutige Schlachten bei Schierling und Regensburg: Auf Napoleons Spuren in Nordbayern
Kein Waterloo in der Oberpfalz

Georg Schindlbeck ist gefechtsbereit: Die Original-Uniform und Ausrüstung eines Linien-Infanteristen rekonstruierte er mit seiner Frau in mühevoller und detaillierter Feinarbeit. Bild: fle
 
Auf der Flucht vor Napoleon setzten österreichische Truppen den Regensburger Stadtteil Stadtamhof in Brand (Hintergrund), um die französischen Truppen am Vormarsch zu hindern. Diese hatten derweil andere Probleme. Der Kaiser war angeschossen worden (links, sitzend im Vordergrund) und musste sich in ärztliche Behandlung begeben. Zur Demonstration seiner "Unverwundbarkeit" ritt er kurz danach die eigene Frontlinie unter tosendem Applaus ab. Bild: Armeemuseum Ingolstadt
 
Die Zeichnung "La bataille près d'Eggmuhl" aus dem Jahr 1810 stammt von Johann Georg Lorenz Rugendas (1775-1826). Sie zeigt die Schlacht von Eggmühl von den Lindacher Höhen aus.

Er steht auf den Lindacher Höhen und hat das gesamte Schlachtfeld im Blick. Mit ausgestrecktem Zeigefinger deutet er auf die bayerisch-französischen Truppen und skizziert den Angriffsplan gegen die Österreicher in die Luft. Wo 1809 Napoleon delegierte, steht nun Georg Schindlbeck, Schierlings Heimatpfleger.

Georg Schindlbeck rückt das Kaskett aus Leder mit polierten Messingbeschlägen und Wollraupe zurecht. Die Kopfbedeckung wiegt stattliche 1,66 Kilo. Die Halsbinde aus schwarzem Tuch mit weißem Rand sitzt perfekt und das Röckl aus blauem Tuch mit Rabatten, Ärmelaufschlägen und Kragen in der Regimentsfarbe rosenrot, ist zugeknöpft. An die knielange Hose aus weißem Stoff schließen sich schwarze Gamaschen und Halbschuhe an.

Bereit zur Schlacht

"Von der Uniform her bin ich bereit, an Napoleons Seite in die Schlacht gegen die Österreicher zu ziehen", sagt er in Oberpfälzer Dialekt mit niederbayerischem Einschlag, wie er für die Region südlich von Regensburg typisch ist. Doch um dem französischen Despoten auch wirklich helfen zu können, fehlt die entsprechende Ausrüstung. Schindlbeck schnappt sich seine Flinte im Kaliber 17,84 Millimeter und aufgesetztem Bajonett. Insgesamt ist die Waffe zwei Meter lang und 4,76 Kilo schwer. Die Patronentasche mit 60 Papier-Patronen (2,15 Kilo) und ein 77 Zentimeter langer Säbel (920 Gramm) am Bandolier vermitteln Gefechtsbereitschaft. Da sich selbst ein Napoleon-treuer Infanterist nicht ausschließlich von Luft und Liebe ernähren kann, schnallt sich Schindlbeck einen Tornister aus rehbraunem Kalbfell mit aufgebundener Mantelrolle und Kochtopf (insgesamt zwölf Kilo schwer) auf den Rücken. Ein Brotsack aus einer alten Zeltplane und eine Feldflasche aus verzinntem Eisenblech machen den Schierlinger endgültig gefechtsbereit.

"In zwei Stunden gibt's Mittagessen, dann bist du wieder da", schreit Schindlbecks Ehefrau aus dem Haus. Schlagartig versetzt es den komplett eingekleideten Infanteristen aus dem Jahr 1809 wieder in die Gegenwart. "Jetzt gehorche ich lieber nicht mehr Napoleon, sondern meinem Herrscher im Hier und Jetzt", verspricht der Schierlinger Heimatpfleger mit einem Lächeln Gehorsam. Ansonsten führt er Touristen in voller Montur auf Napoleons Spuren durch Schierling (südlichster Markt der Oberpfalz/Kreis Regensburg), Eggmühl und Umgebung.


Am 18. Juni 2015 jährt sich die Schlacht von Waterloo (Belgien) zum 200. Mal. Mit ihr endete die Herrschaft von Napoleon Bonaparte (1799 bis 1815), während der sich in Europa Kriege und Schlachten in blutrünstiger Art und Weise aneinanderreihten. Dabei hinterließ der "kleine Franzose" auch in der Oberpfalz Spuren.

Und wer sich damit auseinandersetzt, kommt an Georg Schindlbeck nicht vorbei. Schon nach wenigen Minuten spürt man, dass der Schierlinger Heimatpfleger ein ausgewiesener Napoleon-Fachmann ist. Profunde historische Kenntnisse vermischen sich dabei mit einer stets spürbaren napoleonischen Bewunderung. Bei all seinen Ausführungen vermittelt er den Eindruck, die Schlacht von Eggmühl sei gerade erst beendet worden oder der gute Bekannte Napoleon kommt gleich um die Ecke und gesellt sich dazu. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich Schindlbeck intensiv mit dem französischen Kaiser.

Grund dafür ist die Schlacht von Eggmühl (Kreis Regensburg) am 22. April 1809. "Wenn ich aus meinem Haus trete und im Garten über die weiten Felder blicke, die sich fast bis zum Horizont davor ausbreiten, überblicke ich das damalige Schlachtfeld. Napoleon kämpfte mit seinen bayerischen Verbündeten praktisch vor meiner Haustür gegen die österreichischen Kräfte." Gemeinsam mit dem Autor Marcus Junckelmann, bekannter und bedeutender Kenner der bayerischen Landesgeschichte und Napoleon-Zeit, pflegt Schindlbeck einen Rundweg um Schierling und Eggmühl, der Touristen alles Wissenswerte vermitteln soll. Wer mit dem Heimatpfleger diesen Rundweg abschreitet, begibt sich zwangsläufig auf eine Zeitreise. "Hier dürfte Napoleon genauso gestanden sein, als er aus Landshut eintraf und sich einen ersten Überblick der Situation verschaffte", sagt Schindlbeck auf den Höhen von Lindach vor einer Informationstafel, als er die Ausgangslage der Schlacht gestenreich erklärt. "Vor uns liegt die Schnitzelmühle. Die Franzosen steckten sie damals in Brand - als Zeichen des gemeinsamen Vorgehens mit den bayerischen Verbündeten.


Bis 1811 wurde sie mit französischen Militärgeldern wieder aufgebaut." Nach blutigen Kämpfen mit starken Verlusten auf beiden Seiten, passierten die Verbündeten Eggmühl und besiegten schließlich bei Unterlaichling die österreichischen Kräfte, die in Richtung Regensburg flüchteten. "Zwischen 30 000 und 35 000 Mann waren in die Kämpfe rund um Eckmühl involviert. Die Bevölkerung litt unter den Plünderungen und Brandschatzungen. Zudem war die ärztliche Versorgung katastrophal."

Nächster Halt auf dem Rundweg ist die sogenannte Napoleonhöhe zwischen Oberdeggenbach und Pinkofen. "Hier wartet auf alle Napoleon-Touristen jedoch eine Enttäuschung: Neueste Forschungsergebnisse und Berichte von Gefolgsleuten des Kaisers belegen, dass Napoleon diese nach ihm benannte Höhe wohl nie betreten hat." Die Lindacher Höhen gewährten einen viel umfassenderen Blick auf das Schlachtfeld und Napoleon vermied Standortwechsel während eines Gefechts", klärt Schindlbeck auf, während er sich auf die Informationstafel stützt und mit ausgestrecktem Arm zumindest nachstellen will, wie Napoleon hier einst seine Truppen delegiert haben könnte.

Mitten in Eggmühl kommt niemand am mächtigen Löwendenkmal vorbei. 1909 ließen die Eggmühler das von Ferdinand von Miller entworfene Monument errichten. Allerdings waren sie zum Improvisieren gezwungen. "Während Bayern 1809 als Verbündeter Frankreichs gegen Österreich kämpfte, hatten sich die Allianzen 100 Jahre später geändert. Nun koalierten Bayern und Österreich gegen Frankreich." Von daher kam das Löwendenkmal nicht als bloße Erinnerung an die Schlacht von Eggmühl in Frage - zumindest nicht ohne nationale Eitelkeiten zu verletzen. "Deshalb stellten sie das Löwendenkmal auf eine Anhöhe, die als symbolisches Grab für die Gefallenen beider Seiten fungieren sollte. So waren alle zufrieden."

Damit auch seine Ehefrau zufrieden ist, muss Georg Schindlbeck nach diesem Ausflug in die Geschichte den Heimweg antreten. Das Mittagessen wartet. "Seinen General sollte man nicht verärgern oder warten lassen."
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