Brandt, Schmidt und Amerika

In seiner Autobiografie erzählt der Journalist Klaus Harpprecht erstmals von seiner Kindheit und Jugend im schwäbischen Pfarrhaus, vom Verlust beider Brüder im Weltkrieg und vom Chaos der 1940er Jahre. Aber auch von den erfindungsreichen Improvisationen schreibt er, die ihn schließlich zum maßgeblichen Publizisten nicht allein deutscher Zeitgeschichte werden ließen. Bild: dpa

Der Publizist Klaus Harpprecht saß im Zimmer der Macht bei Willy Brandt und war als weitgereister Journalist auch in Amerika zu Hause. Seine jetzt erschienenen Erinnerungen spiegeln ein Stück Kultur-, Medien- und politische Geschichte wider.

Der Journalist und Publizist Klaus Harpprecht saß als Berater und Redenschreiber für Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) zwei Zimmer entfernt von Günter Guillaume, dem später als DDR-Spion enttarnten ostdeutschen Offizier der Nationalen Volksarmee. Harpprecht kannte Brandt schon seit den 50er Jahren in Berlin. In Bonn bekam der heute 87-Jährige Einblick in die Mechanismen der Machtpolitik und die Mentalität ihrer Akteure, einschließlich privater Verhältnisse.

"Keine Autobiographie"

Zu seinen Gesprächspartnern gehörten Helmut Schmidt, Herbert Wehner, Egon Bahr und Günter Gaus. Darüber gab er in seinen früher veröffentlichten Tagebüchern Auskunft ("Im Kanzleramt"). Jetzt weitet sich der Rückblick auf ein langes und und abenteuerliche Leben eines immer neugierigen Beobachters.

Der langjährige Amerika-Korrespondent des ZDF, Hörfunk- und Zeitungskorrespondent, Buch- und TV-Autor (mit über 50 Dokumentarfeatures) sowie zeitweilige Verlagsleiter, der seit Jahrzehnten mit seiner Frau Renate Lasker-Harpprecht in Südfrankreich lebt, legt seine "Erinnerungen ans Überleben und Leben" vor, "keine Autobiographie", wie er im Vorwort betont, und dabei doch nicht ganz recht hat.

Es sind die Erinnerungen eines ebenso umtriebigen wie fleißigen (wie er das selbst sieht) Journalisten von den Anfangsjahren bei der Wochenzeitung "Christ und Welt" durch Vermittlung von Eugen Gerstenmaier, den West-Berliner Nachkriegssendern RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor), Sender Freies Berlin (SFB), beim WDR und beim ZDF sowie als Autor der großen überregionalen Blätter der westdeutschen Republik. Mehrere Jahre lang schrieb Harpprecht auch an einer vielgerühmten und mit über 2000 Seiten monumentalen Thomas-Mann-Biografie, eine der besten überhaupt. Sehr lesenswert sind Harpprechts Erfahrungen und Begegnungen in den USA, aus denen der Amerika-Liebhaber ebenso wie der überzeugte Atlantiker spricht, der immer für ein vereintes Europa eingetreten ist.

Spürbare Verehrung

Es sind auch die Erinnerungen des 1927 in Stuttgart geborenen Harpprecht an eine Kindheit und Jugend in "Führers Reich", wie er ein Kapitel nennt. Sein Archiv hat der Autor mittlerweile an die Berliner Akademie der Künste übergeben. Privates beanspruche in seinen Erinnerungen den gleichen Raum wie der Beruf und die sogenannte Zeitgeschichte, betont Harpprecht, denn er liebte und liebe das Leben, "die Liebe, die Essenz des Lebens".

Die Verehrung für den - in seiner Amtszeit auch umstrittenen - Kanzler Brandt (im Buch meist nur WB genannt) ist bei Harpprecht deutlich spürbar. "Er ist neben dem Gründungskanzler Konrad Adenauer der Einzige, der im Mythos der deutschen Demokratie seinen Platz hat. Auch wenn Kanzler Schmidt zurzeit, dank der Präsenz seiner Persönlichkeit im hohen Alter als der bedeutendste gilt. Er selber weiß es besser." Schmidt und Brandt hatten laut Harpprecht wenig Sympathie füreinander, und ihn - Harpprecht - habe Schmidt einen Brandt-Höfling genannt, zusammen mit Günter Grass und Günter Gaus. "Mir war deutlich genug, wie sehr WB die Launen und der Hochmut seines Superministers Schmidt zusetzten."

Schmidts Verhalten sei von Eifersucht und Ressentiment diktiert gewesen, "über den Tod hinaus", meint Harpprecht. "Er tat das Seine - davon wollte er später nichts mehr wissen -, um die Autorität des Regierungschefs zu untergraben." Darin habe er sich mit dem damaligen SPD-Fraktionschef Herbert Wehner einig gewusst, der Brandt öffentlich (in Moskau) herabsetzte mit Äußerungen wie "Der Herr badet gerne lau".

Wie ein Wiedehopf

Harpprecht geht auch sonst nicht besonders zimperlich mit manchen Weggenossen um. "Wer übrigens Brecht bis auf einen Meter nahekam, konnte nicht umhin, wahrzunehmen, dass er stank wie ein Wiedehopf. Er schien sich aus Prinzip nicht zu waschen." Und Jahrzehnte später, über seine Berufserlebnisse berichtend, habe ihm Guido Knopp als "ölig-agiler Chef der Redaktion", als "intelligenter und eher eitler Kollege", mit seiner "Verknoppisierung des Fernsehens", die mittlerweile um sich gegriffen habe, die Lust am TV-Handwerk ausgetrieben.

Aber auch insgesamt findet Harpprecht manchmal harte Worte für seine eigene Zunft - "rüde, wie es Journalisten nicht selten sind". An seine aufregenden Anfangszeiten als Journalist sich erinnernd, schreibt er: "Ich begriff, daß Journalismus mehr sein kann als Information, belehrende Leitartikel, Kritik, freischwebendes Feuilleton. Im Glücksfall konnte Journalismus der Menschlichkeit ein wenig auf die Sprünge helfen." Vor allem aber war der Journalismus für Harpprecht immer "die Chance, viele Leben zu leben". Davon legen seine Erinnerungen lebhaft Zeugnis ab.

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Klaus Harpprecht: "Schräges Licht. Erinnerungen ans Überleben und Leben", 560 Seiten, 26,99 Euro, Verlag S. Fischer Verlag
Weitere Beiträge zu den Themen: Magazin (11335)Berlin (7520)12-2014 (6638)
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