Brauereien laufen gegen Ravensburger Urteil Sturm, Suchtambulanz hält es für zweckmäßig
Zwischen Genuss und Gift

Tirschenreuth.(lli) Aus Ravensburg kommen nicht nur die bekannten Spiele. Ein Urteil des dortigen Landgerichts sorgt für reichlich Aufsehen. Die schwäbischen Richter urteilten, dass die Leutkircher Brauerei Härtle ihr Bier nicht mehr als "bekömmlich" bewerben darf. Dabei beriefen sie sich auf eine Verordnung der Europäischen Union, die gesundheitsbezogene Angaben zu Bier mit einem Alkoholgehalt von über 1,2 Volumen-Prozent verbietet.

"Das Urteil ist maßlos überzogen. Ich bin da ganz auf der Seite der Brauerei Härle." Michael Hösl, Geschäftsführer der gleichnamigen Brauerei in Mitterteich, kennt die Situation bestens: "Ich selbst habe mein Bier vor einem halben Jahr auch noch mit ,bekömmlich' beworben und musste dies auf Druck der Behörden ändern." Gerade deswegen betont der Mitterteicher, wie solidarisch er sich mit der betroffenen Brauerei fühlt. Sollte die Berufung erfolgreich sein, will auch Hösl wieder zu seinem alten Werbespruch zurückkehren.

Auch bei der Friedenfelser Schlossbrauerei versteht man den ganzen Aufruhr nicht: " Das ist doch alles nur Wortklauberei!" schimpft Geschäftsführer Thomas Schultes. "Nur wegen eines Wortes so viel Ärger und Kosten - das ist meiner Meinung nach schon ziemlich fragwürdig. Eigentlich lässt sich das schon fast mit dem sinnlosen Kälberstrick-Erlass vergleichen. Den haben die Landwirte auch nur der EU zu verdanken", bemerkt der Geschäftsführer.

Das Urteil grenzt für ihn schon an eine Entmündigung des Käufers. "Jeder weiß, was unser Bier enthält. Schließlich gibt es doch das bayrische Reinheitsgebot. Weshalb der Aufstand?" Anders hingegen sieht es Klaus-Georg Bär, Leiter der Fachambulanz für Suchtprobleme Tirschenreuth. "9,5 Millionen Menschen trinken Alkohol in ,riskanter Form' und 1,6 Millionen gelten als alkoholabhängig. Da Alkohol in der Gesellschaft nicht unbedingt als gefährliche Droge wahrgenommen wird, kann sich eine Abhängigkeit über Jahre unbemerkt entwickeln", erläutert der Diplom-Sozialpädagoge.

"Bekömmlich" suggeriere, dass Bier verträglich für den Körper sei. "Alkohol in Maßen getrunken, ist ein Genussmittel - aber zu viel davon ist Zellgift." In der Werbung würden die Gefahren des Trinkens oft bagatellisiert. "Aus präventiver Sicht ist es deshalb notwendig, den Alkoholkonsum stärker in der Öffentlichkeit zu problematisieren."
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