Brief an den Herzog

Während der letzten Märztage des Jahres 1804 drohte den Bewohnern eines Dorfes an der Mulde große Not durch die Fluten der Elbe, die ihren Nebenflüssen seit Wochen das Wasser nicht mehr abnahm, sondern von dem Schwall ihres Frühlingsüberflusses mehr in sie hineintrieb, als sie zu fassen vermochte.

Der Förster Wuppke, dem außer der Beaufsichtigung der herzoglichen Wälder auch die Instandhaltung der dörflichen Deiche oblag, hatte bereits drei Tage hintereinander seinen Kutscher Lebrecht nach Dessau zum Landesfürsten jagen lassen, immer mit der gleichen Bitte, ihm für Dichtungsarbeiten am wankenden Deich Grenadiere zu Hilfe zu senden. Nur deren Zahl veränderte sich jedes Mal: von zehn in zwanzig, von zwanzig in vierzig. Herzog Franz hatte drei Tage hintereinander auf die Bitte des Försterkutschers zur Antwort gegeben: "Morgen!" aber, da im Schloss auswärtige Potentaten zu Besuch weilten und er also seine Grenadiere zum Exerzieren benötigte, nicht einen einzigen Soldaten geschickt.

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Am vierten Tag tat Förster Wuppke, was er seit Menschengedenken nicht mehr unternommen hatte: Er schrieb einen Brief. Bevor er damit begann, zog er trotz der Märzfrische Rock und Weste aus. Schnitt sich knurrend ein halbes Dutzend Federn zurecht. Putzte ein volles Dutzend Mal die Brille. Dann ein Stirnrunzeln, ein allerletzter Fluch - und nun schrieb der Empörte - Feder um Feder das Genick brechend - im Schweiße seines Angesichts:

"Alleruntertänigster Wasserbericht des Försters Wuppke. Großmächtigster Herzog! Durchlauchtigster Herzog und Fürst! Gnädigster Herzog. Fürst und Herr. Ich kann, Gott strafe mir, mein Wasser nicht länger mehr halten, und wenn Sie nicht heutigen Tages noch fünfzig von die Grenadiers zu Hilfe schicken, all die; welche doch den ganzen Tag lang nichts Weiteres tun als ohne Sinn und Verstand hin und her zu rennen und in die Luft knallen, wo partoument nichts zu treffen ist, so lass ich mein Wasser, hol mich der Teufel, loofen!"

Noch am selben Nachmittag schickte Herzog Franz von Dessau mit dem Bescheid, dass er die Verantwortung für den unausdenklichen Schaden nicht auf sich nehmen wolle, der entstünde, wenn Förster Wuppke sein Wasser laufen ließe, hundert Grenadiers.

Die arbeiteten unter der Aufsicht des Schreibers wider Willen die ganze Nacht an dem gefährdeten Deich, und am anderen Morgen war das Dorf vor den Fluten des Mulde aufwärts getriebenen Wassers der Elbe gerettet. (lir)
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