Brotlos in der Heimat

Sebastian Sieder (34), gelernter Bäcker, hat nur einen Wunsch: wieder in der Region arbeiten zu dürfen. Mutter Monika Sieder unterstützt ihren Sohn, wo sie nur kann. Bild: mic

Kurz nachdem die Türglocke ertönt, nähern sich Schritte. Die Haustüre geht auf. "Hallo, kommen Sie rein", sagt Sebastian Sieder selbstbewusst und streckt der Besucherin die Hand entgegen. Dass der 34-Jährige stark sehbehindert ist, fällt nicht auf.

"Wo ich mich auskenne, komme ich gut zurecht", erzählt Sieder. Zum Beispiel stellt ein Stadtbummel in Weiden keine große Herausforderung für ihn dar. "Und wenn ich nicht weiter weiß, muss ich mich eben durchfragen", sagt er. Auf dem rechten Auge besitzt Sebastian Sieder noch 20 Prozent Sehfähigkeit, links sieht er nichts mehr. Seit seiner Kindheit drückt ein Tumor im Kopf auf den teilweise zerstörten Sehnerv. "Wie ein schlafender Löwe", kommentiert Mutter Monika Sieder die Krankheit ihres Sohnes.

Nur Absagen

Im Berufsleben kommt Sebastian gut klar. Zurzeit ist der gelernte Bäcker in einem Betrieb in Oberfranken beschäftigt. Sein größter Wunsch, wieder in der Region zu arbeiten, hat sich nicht erfüllt. Vergeblich versuchte der Neuhauser immer wieder, sich bei Bäckereien in der nördlichen Oberpfalz zu bewerben. Auf seine Nachfragen erntete er nur Kopfschütteln.

Das bringt Mutter Monika auf die Palme, vor allem, weil die Oberpfälzer Bäckerinnung über Nachwuchsmangel klagt (wir berichteten). "Mich ärgert, dass die Betriebe lamentieren, sie würden keine Leute bekommen. Aber wenn sie einen Behinderten nehmen sollen, machen sie einen Rückzieher", schimpft sie. Das Gesetz schreibe vor, dass Betriebe ab zehn Personen aufwärts einen Behinderten einstellen müssten. "Doch die meisten zahlen lieber."

Dabei könnten die Firmen durchaus profitieren. Wer einen Behinderten einstellt, kann zahlreiche Fördermöglichkeiten in Anspruch nehmen. Die Integrationsämter bezuschussen beispielsweise die Umgestaltung zu einem behindertengerechten Arbeitsplatz. Auch die Bundesagentur für Arbeit zahlt je nach Grad der Behinderung Zuschüsse zum Lohn.

Stolz zeigt Sebastian seinen Gesellenbrief und Fotos von seinen Gesellenstücken. Sowohl die Kenntnis- als auch die Fertigkeitsprüfung hat er mit einem Notendurchschnitt von 3,0 abgeschlossen. Die Ausbildung zum Bäcker begann er 1998 in Krummennaab. Der damalige Schulleiter des St.-Michaels-Werks in Grafenwöhr, Gerhard Egerer, habe ihm während des Berufsvorbereitungsjahrs gut zugeredet, diese Lehre zu beginnen. "Das frühe Aufstehen schreckte mich nicht", sagt der Sehbehinderte.

Hoffnung nie aufgegeben

In all den Jahren versucht Monika Sieder so gut wie möglich, ihren Sohn zu unterstützen. Damit er pünktlich um 3 Uhr morgens in der Backstube steht, fährt sie ihn. Auch heute noch bringt sie ihn zu Wochenbeginn nach Oberfranken und holt ihn jeden Samstag wieder ab. "Wenn er hier in der Region arbeiten könnte, wäre vieles einfacher", seufzt sie. So ganz hat sie die Hoffnung noch nicht aufgegeben. "Wir probieren es weiter. Vielleicht findet sich ja doch ein Bäcker, der Sebastian nimmt."
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