Buch beleuchtet die letzten Kriegstage in der Oberpfalz
Schockierende Berichte

Am 22. April marschierten die Amerikaner in Weiden ein. Hier fährt ein Spähwagen mit Kriegsgefangenen über den Oberen Markt, der damals Hindenburgplatz hieß.
 
Am 19. April 1945 wurde Neustadt am Kulm bombardiert. Drei Menschen starben, der Ort glich danach einem Ruinenfeld. Da die kleine Stadt eigentlich strategisch keine große Rolle spielte, dürften die Amerikaner aus Beobachtungen ihrer Luftaufklärer falsche Schlüsse über die militärische Bedeutung gezogen haben. Bilder: Aus dem Buch „Sie kommen

Der Krieg war längst verloren, als sich die Front im Frühjahr 1945 der Oberpfalz näherte. Offen war allenfalls noch die Frage, ob die Amerikaner oder die Russen zuerst in die Region vorstoßen würden. Und doch gab es fast überall noch fanatische Hitler-Anhänger, die bereit waren, für den Führer Städte in Schutt und Asche versinken zu lassen.

Am 8. Mai jährt sich mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Berlin das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 70. Mal. Im Eiltempo hatten vorher die amerikanischen Truppen im April 1945 auf dem Weg zur "Alpenfestung" die Region durchquert. Das schlecht ausgebaute Straßennetz bereitete ihnen bisweilen mehr Schwierigkeiten als der militärische Widerstand, der oft nur aus Jugendlichen und alten Männern bestand.

Trotz dieser Aussichtslosigkeit glaubten fanatische Hitler-Anhänger noch an den von den Nazis propagierten Endsieg. Sie waren nicht nur bereit, ihr eigenes Leben zu opfern, sondern auch das anderer. Tage, ja sogar nur Stunden vor dem Einmarsch der Amerikaner verhängten und vollstreckten sie noch Todesurteile, so zum Beispiel am Kaltenbrunner Bürgermeister Josef Hörl oder an dem jungen Soldaten Karl Erb in Mitterteich: Namen, die in keinem Geschichtsbuch auftauchen.

Die wenigsten von uns haben diese schlimme Zeit noch selbst miterlebt. Wir kennen den Krieg nur mehr aus Büchern, aus Erzählungen, aus dem Schulunterricht oder aus Filmen und Dokumentationen. Dass dieser Krieg etwa 60 Millionen Menschen das Leben gekostet hat, dass der Holocaust bis zu 6 Millionen Juden systematisch in die Gaskammern und in den Tod getrieben hat, das sind Fakten von so ungeheurem Ausmaß, dass sie auch Jahrzehnte danach unfassbar bleiben.

Großes Leid

Das Buch "Sie kommen", das der Buch- und Kunstverlag Oberpfalz anlässlich der Gedenkfeiern zum 70. Jahrestag neu aufgelegt hat, wirft erschütternde Schlaglichter auf diese Zeit. Es gibt den letzten Kriegstagen in der Region Gesichter und Namen. Es zeigt anhand vieler Augenzeugenberichte Einzelschicksale auf, es verdeutlicht das große Leid, das der Krieg auch in die ländlich geprägte Region, ja selbst in die entlegensten Dörfer und Weiler gebracht hat.

Kampflose Übergabe und todbringendes Bombardement lagen oft ganz nah beieinander. Zufälle spielten für den Verlauf der Geschichte ebenso eine Rolle wie mutige Oberpfälzer, die es schafften, Sand in das gewaltige Räderwerk der gigantischen Kriegsmaschinerie der Nazis zu streuen. So zum Beispiel die mutigen Frauen von Kirchenthumbach, die einfach die Panzerfäuste und Gewehre ihres Volkssturms in einer Jauchegrube versenkten, um eine Verteidigung des Ortes zu verhindern.



Das Buch geht auf eine Zeitungsreihe des Medienhauses "Der neue Tag" zurück, die vor zehn Jahren zum 60. Jahrestag des Kriegsendes erschienen ist. Im gesamten Verbreitungsgebiet wurden Schilderungen der letzten Kriegstage aus Sicht von noch lebenden Augenzeugen veröffentlicht. Die Resonanz war so groß, dass daraus ein Buch entstand. Bei der Neuauflage ist das Druckwerk aktualisiert worden und um rund 60 auf nunmehr 160 Seiten ausgeweitet worden.

Über 70 Beiträge

In über 70 Beiträgen berichten Journalisten und Historiker, wie der Krieg in die Oberpfalz gekommen ist und welche Blutspur er hinterlassen hat. Schockierende Schilderungen, die unter die Haut gehen. Einzigartige Augenzeugenberichte, welche die Schrecken des Krieges deutlich machen. Städte und auch Dörfer versanken nach Bombardierungen in Schutt und Asche. Viele Menschen, darunter unschuldige Frauen und Kinder, verloren ihr Leben. Doch es hätte noch weitaus schlimmer kommen können. Bei einem der Fliegerangriffe auf Grafenwöhr wurde zum Beispiel ein riesiges Giftgaslager nur denkbar knapp verfehlt. Nicht auszudenken, was aus der Oberpfalz geworden wäre, wenn auch nur eine Bombe dieses im Wald versteckte Lager getroffen hätte.

Unter den neu aufgenommenen Beiträgen sind Berichte über den mysteriösen, nie aufgeklärten Tod des Nabburger Bürgermeisters Josef Haller, über Hitlers geheime Stadionbaustelle im Amberg-Sulzbacher Hirschbachtal, über die Sprengung von Hitlers Wunderwaffe "Dora" auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr und über das "Wunder von Regensburg", das die scheinbar nicht abzuwendende Kesselschlacht um die alte Reichsstadt doch noch in die von den Bürgern erhoffte kampflose Übergabe münden ließ.

Dank vieler Unterstützer konnte das Buch mit zahlreichen Originalfotos aus der damaligen Zeit illustriert werden. Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg hat dafür ebenso ihr Fotoarchiv geöffnet wie BR-Journalist Toni Siegert, der das Kriegsende in der Oberpfalz umfassend erforschte.
Weitere Beiträge zu den Themen: Magazin (11335)März 2015 (9461)
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