Carl-August Graf von Drechsels Tagebucheinträge veröffentlicht - Als Delegierter des Roten ...
"Wie wirkt mein Leben im Rückblick so sonnig"

Das Buch "So geht das Morden täglich weiter" präsentierten Bezirksheimatpfleger Dr. Tobias Appl (von links), Stefan Schomann, Ferdinand Graf von Drechsel, Gerhard Hofbauer (Rotkreuz-Museum Regenstauf) und Verleger Fritz Pustet. Bild: Wolke
Regensburg / Karlstein. "So geht das Morden täglich weiter." Treffender kann man die Situation im Ersten Weltkrieg wohl kaum beschreiben. Angesichts des Zweiten Weltkrieges war diese Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts mitunter in den Hintergrund getreten. Erinnerungen zum 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs rücken die Ereignisse nun ins richtige Licht. So auch die Aufzeichnungen von Carl-August Graf von Drechsels. Von ihm stammt der eingangs erwähnte Satz. Er schrieb ihn in seinem Tagebuch nieder. Und war damit einer von vielen, die ihre Kriegseindrücke privat aufzeichneten.

"Geschichte geschrieben"

"Wohl zu keiner Zeit wurden in Europa so viele Tagebücher begonnen wie im August 1914", weiß der Journalist und Autor Stefan Schomann. "Ihre Autoren eint das Bewusstsein, dass nun Geschichte geschrieben würde." Das Besondere an den Aufzeichnungen Graf von Drechsels: Als Delegierter des Bayerischen Roten Kreuzes schildert er eine spezielle Sichtweise auf die Kriegswirren. Und: Seine Aufzeichnungen wurden nun veröffentlicht. Schomann hat sich des seinerzeit in Karlstein bei Regenstauf ansässigen Grafen und dessen Tagebuch angenommen. In Zusammenarbeit mit dem Regensburger Verlag Friedrich Pustet ist ein mehr als 200 Seiten umfassender Band mit 34 Abbildungen herausgekommen. ",So geht das Morden täglich weiter.' Erinnerungen des Rotkreuzdelegierten Carl-August Graf von Drechsel 1914-1919" lautet dessen Titel.

Vorgestellt wurde das Buch nun in der Weinschenkvilla in Regensburg. Mit dabei waren auch etliche Nachkommen Carl-August Graf von Drechsels, dem seine Familie über alles ging, der aber im Laufe seines Lebens schmerzhafte Verluste erleiden musste: Von Drechsels Sohn Max-Ulrich wurde 1944 als Widerstandskämpfer von den Nationalsozialisten hingerichtet.

Davon wusste Carl-August Graf von Drechsel noch nichts, als er in den Tagen des Kriegsbeginns 1914 mit seinen Aufzeichnungen begann. Drohendes Unheil lag auch damals in der Luft. "Wie wirkt mein Leben im Rückblick so sonnig, froh und glücklich", schrieb er auf den ersten Seiten in einem für ihn charakteristischen romantisierenden Stil. "Wie schwinden die bisherigen Sorgen in unbedeutende Abendwolken gegen diese tiefschwarze Gewitterwand, die sich vor uns auftürmt."

In hellsichtiger Schwarzseherei ahnte der Autor das kommende Ausmaß des Krieges früh. Seine eigenen Erfahrungen sollten ihm Recht geben. In seiner Funktion als Delegierter betreute er einen etwa 50 Kilometer langen Abschnitt hinter der Westfront, auf halber Strecke zwischen Metz und Verdun. Seine Aufzeichnungen schildern dabei nicht nur einen regelmäßigen Wandel von ruhiger Idylle zum höllischen Inferno, je nachdem, wie sich die Front verschob. Graf von Drechsel, dem zahlreiche Ärzte, Schwestern, Pfleger und Lazarettzüge unterstanden, liefert in seinem Tagebuch auch einen detaillierten Einblick in die Arbeit des Roten Kreuzes im Ersten Weltkrieg.

Hier spannt sich ein weiterer Bogen zur Heimat Graf von Drechsels: In Regenstauf gibt es das Rotkreuz-Museum. Dessen Leiter Gerhard Hofbauer war an der Entstehung des neu erschienenen Bandes beteiligt. Ebenso wie ein Nachkomme des Autors: Ferdinand Graf von Drechsel ist der Enkel Carl-August Graf von Drechsels und erinnert sich noch gut an seinen Großvater.

"Er war stets guter Laune, frohgemut und teils von sarkastischem Humor", schilderte der Enkel den Großvater bei der Buchpräsentation. Ein Gesellschafts- und Familienmensch sei Carl-August Graf von Drechsel gewesen. Bei sich trug er stets ein Büchlein mit allen Ehrentagen seiner Verwandten und Bekannten, meistens auch ein Geschenk für die Enkelkinder. "Stets hatte er irgendwelche Scherze mit uns vor", erzählte Ferdinand Graf von Drechsel. Die kleinen und großen Tragödien seines Lebens hätten den Großvater nicht gebrochen.

Einträge mit Humor

Eine Prise Humor findet sich auch immer wieder in den Kriegstagebüchern Carl-August Graf von Drechsels. Französische Handgranaten im Fluss bedeuteten damals kostenlosen Fisch, vermerkte er an einer Stelle. Die zu Hause abgehaltenen Feierlichkeiten zum Kriegsende beschrieb er folgendermaßen: "Das Treiben soll sich bis in den frühen Morgen erstreckt haben. In diesem Krieg dauerte ja alles länger, als man angenommen."

",So geht das Morden täglich weiter.' Erinnerungen des Rotkreuzdelegierten Carl-August Graf von Drechsel 1914-1919" ist im Verlag Friedrich Pustet erschienen (ISBN 978-3-7917-2632-8), 16,95 Euro.
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