"Corsican Circuit"
Aufgalopp

Male wurde unlängst auf der Insel Korsika der "Corsican Circuit" ausgetragen. Gemeint ist ein von 16 Koryphäen doppelrundig gespieltes Schnellschachturnier. Das Außergewöhnliche an ihm: Es wurde im K.o.-System gespielt.

Die Schachwelt hätte von diesem Turnier wohl kaum Notiz genommen, hätten an ihm nicht die amtierende Damen-Weltmeisterin, die erst 20 Jahre alte Chinesin Hou Yifan, und Ex-Weltmeiter Visvanathan Anand teilgenommen. Für Anand als ausgesprochen guten Schnellschachspieler war es wohl als Aufwärm-Fingerübung für die Schachweltmeisterschaft gedacht, die seit 7. November in der Olympiastadt Sotschi über die Bühne geht und bei der er seinen letztjährigen Bezwinger, den norwegischen Weltmeister Magnus Carlsen, herausfordert.

Wie der Name schon andeutet, ist die Bedenkzeit bei Schnellschachturnieren begrenzt. Den Akteuren standen pro Partie 15 Minuten plus einer Zeitgutschrift von drei Sekunden pro Zug zur Verfügung. Klarer Favorit des Turniers, das mit einem Elo-Schnitt der Teilnehmer von 2586 zu den höherklassigen zu rechnen ist, war Exweltmeister Anand, der mit Elo 2785 mit Abstand die Setzliste anführte.

Die Sensation war jedoch perfekt, als Anand im Halbfinale strauchelte. Nachdem er im Achtel- und Viertelfinale sämtliche Spiele gewonnen hatte, unterlag er dem ukrainischen GM Sergey Fedortschuk mit 0,5:1,5. Die WM-Prämiere ist ihm also misslungen. Anand machte damit den Weg für die Damenweltmeisterin Hou frei. Diese kämpfte sich mit Glück und Geschick - in drei Begegnungen konnte sie sich erst im Tiebreak durchsetzen - ins Endspiel und ließ dort dem Anand-Bezwinger GM Fedortschuk keine Chance. Ein historischer Sieg für die Damen- Weltmeisterin im Konzert der Männer. Hier ihr entscheidender Finalsieg:

Weiß: Sergey Fedorchuk

Schwarz: Yifan Hou

1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 g6 4.d4 cxd4 5.Sxd4 Lg7 6.Le3 Sf6 7.Le2 0-0 8.f4 d6 9.Sb3 a6 10.g4 b5 11.g5 Sd7 12.Dd2 Sb6 13.0-0-0 Sa4 14.Sd4 Lb7 15.Sd5 Sxd4 16.Lxd4 e5 17.fxe5 Lxd5 18.exd5 dxe5 19.Le3 Dd6 20.Kb1 Tac8 21.h4 e4 22.Ld4 Dxd5 23.De3 Lxd4 24.Txd4 Dc5 25.c3 Tfd8 26.Thd1 Txd4 27.Txd4 Te8 28.h5 De5 29.h6 Sc5 30.Lg4 Kf8 31.a3 Se6 32.Lxe6 Dxe6 33.a4 Df5 34.a5 Df3 35.Dxf3 exf3 36.Tf4 Te1+ 37.Kc2 Te2+ 38.Kb3 f2 39.Ka3 f5 40.b3 Ke7 41.Tf3 Ke6 42.Kb4 Kd5 43.Tf4 Te4+ 0-1

Tagesnotizen: In Taktikaufgabe Nr. 84a sehen wir eine Position, die sich bei der letzten Schacholympiade im Damen-Mannschaftskampf USA gegen Frankreich ergab. Die dreifache französische Damenmeisterin Sophie Milliet, die schwarzen Steine führend, hatte gerade mit 0...b4 die den Bauern f6 fesselnde Dame c3 angegriffen. Für ihre Gegnerin, WGM Tatev Abrahamyan, US-Amerikanerin mit armenischen Wurzeln, war das der Startschuss für eine taktische Lösung des Stellungsproblems. Mit welcher Fortsetzung fuhr Weiß am Zug den vollen Punkt ein?

Mit dem Zweizüger in Aufgabe Nr. 84b legt uns der renommierte oberbayerische Problemkomponist sein jüngstes Werk vor. Schon der Blick auf die Satzspiele des Merediths - so nennt man Zweizüger mit mindestens acht und höchstens zwölf Steinen - zeigt, dass die Aufgabe trotz der nur zwei Züge nicht ganz so einfach zu lösen sein wird. Wie geht Weiß dabei vor?

Lösungen: Die Position zu Taktikaufgabe Nr. 83a (Vargas-Polgar, W: Kh1, De4, Ta1, Tc3, Lh2, Ba6, b2, c2, g3 [9], S: Ka8, Dd6, Th8, Lc5, Sc6, Bd7, f6, g4 [8]) kam bei der letzten Schacholympiade auf das Brett. Mit seinem letzten Zug 1.g3? wehrte Weiß das drohende Matt Dxh2# ab. Korrekt wäre 1.Th3! gewesen (1...gxh3 2.Lxd6 mit Gewinn bzw. 1...Txh3 2.gxh3 g3 3.Lg1 und der weiße Materialvorteil setzt sich durch). Nach diesem Versäumnis dreht Schwarz spektakulär mit 1...Txh2+!den Spieß um. Gegen das Matttreiben 2.Kxh2 Dd2+ 3.Kh1 Dh6+ 4.Kg2 Dh3# gibt es keine Rettung.

Diese Partie war eine der letzten in der großen Karriere von Judit Polgar. Nach Beendigung der diesjährigen Schacholympiade erklärte die Ungarin, die 25 Jahre lang ununterbrochen und unangefochten die Weltrangliste der Frauen anführte, ihren Rücktritt vom aktiven Schachsport.

Der Zweizüger in Aufgabe Nr. 83b (Nabokov, W: Ka7, Db6, Tf4, Th5, Le4, Lh8, Sd8, Se6, Bb7, g3 [10], S: Ke5, Tg7, Lh6, Se2, Sg5, Bc3, c6, d7 [8]) stammt von einem der Poesie zugeneigten Autor. Bei der seinem Buch "Poems and Problems" entnommenen Aufgabe scheint die eine Schachprovokation beinhaltende, verführerische Bauernumwandlung 1.b8S? zum Ziel zu führen: So sind folgende Satzmatts zu sehen: 1...d6+ 2.Sd7#, 1...dxe6+ 2.Sf7#, 1...d5+ 2.Dc7#, jeweils mit Kreuzschachmatt, sowie 1...Kd6 2.Dc5# und 1...Sxf4 2.Dd4#. Doch Schwarz hat die rettende Antwort 1...c2! parat, wonach es kein Matt gibt. Dies führt zu der Idee, diese Riposte durch 1.Lc2! auszuschalten. Es tritt Zugzwang ein. Turm g7 und Springer g5 sind gefesselt und deshalb bewegungsunfähig. So sind also nur Züge mit dem Bauernpaar c6/d7 und dem Springer e2 zu untersuchen.

Zunächst die Entgegnungen, deren Mattbilder wir bereits aus den Satzspielen kennen: 1...d5 (blockt das Fluchtfeld d5) 2.Dc7#, 1...Kd6 oder 1...Kd5 2.Dc5#und 1...Sxf4 (gibt das Mattfeld d4 frei) 2.Dd4#.

Ein Wechsel des Mattbildes ergibt sich nach 1...dxe6 (lenkt den Bauern ab) 2.Dc5# und 1...d6 (Block) 2.Tf5#. Letzteres erfolgt auch nach 1...c5, da nun die weiße Dame das Fluchtfeld d6 kontrolliert.

Exzellent! Wie der Autobiografie des Autors zu entnehmen ist, hatte ihn das Komponieren dieser Aufgabe in eine "Ohnmacht konzentrierter Schachgrübelei" versetzt.
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