Darsteller spielen sich als muntere Senioren

Mit ihrem „Aufstand der Alten“ amüsierten die jung gebliebenen Senioren nicht nur ihr Publikum, sondern sichtlich auch sich selbst. Bild: Hartl

Eine Rentnergang, die nicht altern möchte. Eine Schwester, die die betagten Damen und Herren mit morbidem Humor demütigt: Das ist der Stoff, mit dem das Renaissance-Theater Berlin mit "Ewig jung" einen grandiosen Lacherfolg im Amberger Stadttheater feiert.

Amberg.Wir schreiben das Jahr 2050. Einige in die Jahre gekommene Schauspieler sitzen im Foyer ihres ehemaligen, mittlerweile dem Rotstift der Kulturbürokratie zum Opfer gefallenen und zum Seniorenheim umgewidmeten Theaters und lassen die "gute alte Zeit" Revue passieren.

Das ist die Ausgangssituation von "Ewig jung", einem "Song-Drama" von Autor und Regisseur Erik Gedeon, das in der Inszenierung des Berliner Renaissance-Theaters im Amberger Stadttheater zu sehen war. Es schildert höchst amüsant das Schicksal der Theaterheroen Timo Dierkes, Dieter Landuris, Anika Mauer, Katharina Mehrling, Guntbert Warns und des mümmelnden Musikers Harry Ermer, auf dessen Flügel der Ausstatter als mahnendes Memento Mori die Urne eines jüngst verstorbenen Mitglieds des Künstlerkreises platziert hat.

Viel Selbstironie

Mit viel Selbstironie spielt die Darstellerriege ihre alt gewordenen Alter Egos als von Demenz und Gicht, von Arthrose und allen möglichen sonstigen Alterszipperlein geplagte Heiminsassen. Nicht nur die unangenehmen Begleiterscheinungen machen dabei der Seniorengang das Restleben schwer, sondern auch die leicht sadistische Schwester Angelika (Milster), die ihre Schutzbefohlenen nicht nur mit albernen Mitklatsch-Liedchen demütigt, sondern auch mit Gesangseinlagen quält, in denen sie die Plagen des Altwerdens besingt oder in einem sprachwissenschaftlichen Exkurs die Vielfalt der deutschen Sprache an Hand der zahlreichen Synonyme aufzeigt, die diese für das einfache Wörtchen "Sterben" bereithält: Verrecken, krepieren, verröcheln und ähnliches kommt ihr dabei wie selbstverständlich von den lächelnden Lippen.

Aber kaum kehrt die Aufpasserin den munteren Alten den Rücken, erwacht bei denen der alte Drang zur (Selbst-)Darstellung. Katharina Mehrling entpuppt sich als wilde Rebellin des Rock'n'Roll mit ausgeprägtem Hang zu tourettebedingten Obszönitäten, die gerade noch bühnenfähig sind, weil sie von der schlecht sitzenden Zahnprothese ein wenig abgemildert werden.

Guntbert Warns lässt sich von einer gehörigen Portion indischen Lachkrauts in "Sweet Dreams" versetzen und schafft es, in einem Medley von gefühlten fünf Minuten Dauer gefühlte drei Dutzend Hippiehymnen zum ultimativen Sixties-Potpourri zu verdichten. Auf die Song-Auswahl hat der Autor besonders viel Aufmerksamkeit verwandt. Er beschert damit den Zuschauern nicht nur einen recht abwechslungsreichen Blick zurück auf die Musik aus der Jugendzeit der Protagonisten, sondern ist mit den Inhalten immer nah am Geschehen. "My Generation" mit der unsterblichen Zeile "Hope I die before I get old", die Disco-Klassiker "I will survive" und "Stayin' alive" bekommen in der Darbietung der Rentnerband plötzlich eine ganz andere Bedeutung, vor allem auch, weil die fünf in Würde gealterten Damen und Herren sie augenzwinkernd und mit viel Sinn für Selbstironie und Komik auf die Bühne bringen.

Lustiges und Nachdenkliches

Bestens aufeinander eingespielt und mit offensichtlichem Vergnügen an ihren Rollen agierende Darsteller machen "Ewig jung" mit viel Wortwitz und Slapstick - aber auch einigen sentimentalen Momenten - zu einem grandiosen Lacherfolg, den das Publikum zu guter Letzt auch mit Standing Ovations honoriert.
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