Das Baby totgeschwiegen

"Ich bin schnell auf 150", sagt der Vater. Das Gericht erlebt auch gleich eine Kostprobe. Ja, er habe vermutet, dass seine Tochter mit 21 Jahren zum dritten Mal ungewollt schwanger war. Erst recht, als seine Mutter in Steffis Zimmer ein Infoblatt über anonyme Adoption fand und ihm davon erzählte. "Aber gegenüber mir hatte es ja immer geheißen: Zyste." Er haut mit der Faust auf den Tisch.

Weiden/Neustadt/WN. (ca) Landgerichtspräsident Walter Leupold droht Ordnungshaft an: "Ich würde Ihnen nicht raten, Ihr Temperament an mir auszuprobieren." Am zweiten Prozesstag sagt die Familie von Steffi D. aus. Die 21-Jährige ist angeklagt, am 25. April ein Baby auf einer Supermarkttoilette geboren und erstickt zu haben. Nahe Angehörige können die Aussage verweigern. Aber nur die Mutter der Angeklagten zieht diesen "Joker" und ist nach 30 Sekunden wieder raus aus dem vollen Saal.

Der geschiedene Vater, der die Tochter ab dem fünften Lebensjahr alleine aufzog, tut für sie, was er kann. Er schont sich dabei nicht. "Ja, sie hatte Angst vor mir, ich bin aufbrausend." Und er gibt zu: "Ja, ich habe ihr gesagt: Wenn sie ein Drittes bekommt, dann schmeiße ich sie raus." Seine Tochter wohnte mit ihren zwei ledigen Kindern (2 und 4 Jahre) bei ihm in der Wohnung, außerdem noch seine Mutter (75).

Wie jeden Samstagvormittag fuhr die Großfamilie am 25. April zum Einkauf nach Neustadt. Im Schwurgerichtssaal werden Kameraaufnahmen abgespielt. Sie zeigen, wie alle Fünf den Supermarkt betreten. Wie die Angeklagte zur Kundentoilette geht, an der Hand den Zweijährigen. Wie der Vater dreimal zur Tür kommt, klopft und wieder geht. Wie sie schließlich einen blauen Müllsack von der Kasse holt und noch einmal in den Waschraum zurückkehrt. Und wie alle Fünf sich am Eingang wieder treffen und zum Auto gehen.

Als er an die Toilettentür klopfte, habe die Tochter gerufen, sie komme gleich, erinnert sich der Vater. "Mehr ist nicht geredet worden." Als sie danach ins Auto einstieg, seien ihm die Blutflecke auf der Hose aufgefallen. Natürlich habe er gefragt, was los ist. "Aber sie hat nichts gesagt. Sie hat mich nur starr angesehen, als ob sie weggetreten wäre." Die Oma hat als Zeugenbeistand einen Anwalt dabei. Rouven Colbatz hat seine liebe Müh', der Seniorin lautstark die Fragen der Juristen auszudeutschen. Nur so viel: "Mein Sohn war halt laut und Steffi hat immer gleich Angst gehabt. Der schreit bei mir auch."

Schon einmal vertuscht

Grob gesagt: Es gab im Vorfeld keinen einzigen in der Verwandtschaft, der nicht eine Schwangerschaft vermutete. Alle haben das geahnt. Die Oma mütterlicherseits brachte der Enkelin einen Schwangerschaftstest mit. Das Ergebnis kam per Whatsapp retours: negativ. Sie schleppte die Enkeltochter sogar zum Frauenarzt. Nur blieb sie im Wartezimmer sitzen und wurde danach mit der Story von Eierstock-Zysten abgespeist.

Vertrauen hatte die 21-Jährige nur in ihren Onkel. Schon vor zwei Jahren hat sie eine Schwangerschaft verborgen. "Ich war der einzige, der davon wusste", berichtet der 50-Jährige. Sein Bruder erfuhr im Kreißsaal, dass er wieder Opa geworden war. Diesmal war der Onkel nicht eingeweiht, hatte aber den starken Verdacht. Auch er wurde zwei Tage vor der Tat von der Oma mit dem Adoptions-Flyer konfrontiert. "Die Oma hatte Angst, dass Steffi das Kind weggibt." Und er? "Ich wollte mich nicht wieder einmischen." Schon zu oft habe er als "Prellbock" zwischen Bruder und Nichte herhalten müssen.

Am Mittag nach der Tat rief die Nichte in ihrer Verzweiflung diesen Onkel an. Sie habe starke Blutungen und wolle ins Krankenhaus. Ihr Vater weigere sich, sie zu fahren. Der Onkel organisierte einen Bekannten als Fahrer und wartete am Klinikum mit einer Krankenschwester und einer Notliege. "Ich war der Meinung, sie steht kurz vor der Entbindung."

Auch als die Krankenschwester die Patientin fragte, ob sie schwanger sei, habe die Nichte mit "Ja" geantwortet. Nach einer Stunde im Kreißsaal wurde die 21-Jährige auf die Station verlegt. Ohne ein Baby. In einer Prospekthülle erspähte die Lebensgefährtin des Onkels ein Ultraschallbild: "Da war kein Kind zu sehen." Fragen an das Personal, ob denn nun eine Geburt stattgefunden habe oder nicht, blieben mit Verweis auf die Schweigepflicht unbeantwortet. "Da müssten wir Steffi selbst fragen."

Onkel glaubte an Adoption

Der Onkel zog daraus einen falschen Schluss: Er folgerte, dass die Nichte ihr Kind tatsächlich zur Adoption freigegeben habe. Am Abend fuhr er daher noch einmal ins Klinikum. "Ich habe sie in den Arm genommen und gesagt: Steffi, überleg's dir nochmal, mach' keinen Quatsch." Man bringe doch auch drei Kinder groß. Ihre Reaktion? "Sie hat geweint." (Seite 3 )
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