Das Frühlingswunder am Weg

In jedem Frühjahr sieht der Chronist seit einer Reihe von Jahren das gleiche, einfältige und doch so sinnvolle Spiel. Sein täglicher Weg führt ihn durch eine Bahnunterführung, durch einen ziemlich dunklen Tunnel. Die Wände des Tunnels sind grau und blättrig. An Regentagen rieselt Feuchtigkeit durch die Sprünge der Mauern.

Hoch an der Decke aber bildet sich in der meterdicken Betonschicht ein kleiner, kaum talergroßer Durchlass, so präzise gebohrt, dass er ein kleines Frühlingswunder bewirkt.

Gerade in diesen Frühlingstagen nun, wenn der Wunsch der Menschen nach neuer Sonne, neuem Licht und neuer Wärme am größten ist, hat sich die Sonne so weit am Himmel erhoben, dass sie am Vormittag einen feinen, klaren Lichtstrahl in diese dunkle Höhle senden kann. Wie ein goldener Himmelsfinger bohrt sich dieser Strahl in die Düsternis, überschimmert mit einem feinen Lichtnebel den Verfall und die Kälte. Und nun muss man die Menschen auf ihren Wegen sehen. Sie kommen an, in Eile und Hast, an den Alltag, ihre Geschäfte, ihre Sorgen denkend. Sie wollen die Dunkelheit möglichst schnell durchlaufen und hinter sich bringen. Da stößt ihnen der Lichtstrahl entgegen, und es ist kaum einer, der nicht einen kleinen Bogen macht, der nicht ein wenig verhielte, um rasch durch diesen Strahl hindurch zukommen. Er gleitet über ihre Stirnen und ihre Hände hinweg, er entlässt sie gleich wieder ins Dunkle, und doch meint man bei vielen dieser Menschen, sie gingen nun leichter, freier, fast wie gesegnet dahin.

In solchen Augenblicken erhellt sich uns das Bild dieser Welt, von der uns heute so viele Philosophen und Dichter und Wissenschaftler weismachen wollen, sie sei aus nichts anderem als aus Verzweiflung, Angst und Gefährdung gebildet. Das Licht aber findet die tieferen Gründe. Man kann ihm freilich ausweichen - aber man kann ihm auch entgegengehen. (lir)
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