Das geschenkte zweite Leben

Georg Weber freut sich auf Januar: Dann erfährt er in der Uniklinik Regensburg den Namen des Menschen, dem er sein Leben verdankt.

Wernberg-Köblitz-Neunaigen. (cv) Die Bilder ähneln sich: Georg Weber und seine Frau Gertraud, die Kinder Florian (26) und Maria (24) sitzen am Küchentisch. Doch Georg Weber hat sich verändert: Die ersten Miene ist einem gelösten Gesichtsausdruck gewichen. Georg Weber hat wieder volles Haar - soweit dies Männer jenseits der 50 noch haben - und im Wohnzimmer steht ein Christbaum. Anders als vor zwei Jahren: Kein Baum, keine Verwandtenbesuche, keine Mette. Dafür Hygienespender und Mundschutz, abwaschbarer Boden, darauf ein Lichterkettengebilde.

Der Weg zurück

Georg Weber war kurz zuvor aus der Klinik nach Hause gekommen. Rückblende: Georg Weber fühlt sich im Frühjahr 2012 schlapp. Die Diagnose: Leukämie, MDS, unheilbar. Wie lange noch? "Ihr Mann wird Weihnachten ohne Knochenmarkspende nicht erleben", zitiert Gertraud Weber den behandelnden Arzt. Doch ihr Mann hat Glück: Über die weltweite Datenbank in Ulm ist nach vier Wochen ein Stammzellenspender gefunden.

Das Immunsystem wird auf Null gestellt. Am 2. Oktober um 11.35 Uhr hängt Weber zwei Stunden am Tropf. Bange Tage in völliger Isolation folgen: Apathie, nicht mehr an den nächsten Tag denken. Es dauert zwei Wochen, bis vorsichtig diagnostiziert werden kann, ob "die Leukos" am Knochenmark anwachsen. Der schwierige Weg zurück ins Leben beginnt .

Das Mitgefühl der Dorfgemeinschaft begleitet ihn. Das Schicksal von Georg Weber und Anneliese Ruidisch, die gegen die gleiche Krankheit zu kämpfen hatte, schärft in Neunaigen den Blick für das Thema Stammzellenspende. Anneliese Ruidischs Ehemann Josef und Erich Wilfert, Vorsitzender der Neunaigener Feuerwehr, knüpfen Kontakte zu Michael Sporrer, der "Hilfe für Anja" ins Leben gerufen hatte und die Typisierungsaktionen betreut. Dann geht es Schlag auf Schlag: 1050 Menschen kommen, um sich als Spender registrieren zu lassen. Sie können Georg Weber nicht direkt helfen, doch es sind einige Typisierte darunter, deren Stammzellen das Leben anderer leukämiekranker Menschen retten können. Da keine Krankenkasse die Laborkosten von 50 Euro pro Spender übernimmt, wird Geld gesammelt. Bei Vereinen, in Betrieben, bei Arbeitskollegen. Die Dorfgemeinschaft gibt Kraft, die DKMS findet einen Spender. Mit der Perspektive, gesund zu werden, wird nach der Transplantation die Isolation ertragen. Kaum Besuch, Hausverbot für Freunde, die den Anflug einer Erkältung zeigen, verbannte Blumenstöcke, dafür Mundschutz, Windelflies für Einmal-Spüllappen. Jedes angebrochene oder frisch zubereitete Lebensmittel muss wegen der Keime nach 24 Stunden entsorgt werden.

Die Spannen in der Zeit der Immunpression - überwacht von der Brückenpflege - werden allmählich länger. Dann wird ein offenes Glas Marmelade eben erst nach drei Tagen entsorgt, darf auch offene Wurst gekauft, muss die Zahnbürste nicht mehr nach jedem Gebrauch desinfiziert werden. Georg Weber baut wieder Muskeln auf, geht "ins Holz". Doch nach wie vor verzichtet er auf Nüsse oder Schimmelkäse, trinkt kein gezapftes Bier, meidet Tiere und Erdarbeiten.

Viele Familien zerbrechen

Weber, früher Anlagenführer bei der Flachglas, ist inzwischen im Ruhestand: "Das würde ich nicht mehr schaffen". Der gelernte Bäcker stellt Sandplätzchen auf den Tisch -- das Lieblingsgebäck von Ehefrau Gertraud. "Ohne sie hätte ich das nicht geschafft", meint Georg Weber mit einem liebevollen Seitenblick. "Sind sie da?", hat der Professor Gertraud Weber vor der Transplantation gefragt. "Er hat nicht nur die Anwesenheit in der Klinik gemeint", erzählt die 54-Jährige. "Viele Familien zerbrechen an der Zeit der Krankheit." Die Webers beschönigen nichts. "Es war schlimm", so Maria und Florian.

Am 24. April 2013 wurde Georg Weber 60 Jahre alt. Die Feier stieg aber am 2. Oktober, "an meinem ersten Geburtstag". Heuer feierte er den zweiten Geburtstag, denn "es ist ein neues Leben". Georg Weber würde gerne seinen Stammzellen-Spender kennenlernen. Im Januar läuft die Zwei-Jahres-Sperrfrist ab. Vielleicht gibt es ein Treffen mit dem Lebensretter, von dem Weber bisher nur weiß, dass er "Nordrheinwestfale und am 1. März 1984 geboren ist".
Weitere Beiträge zu den Themen: Dezember 2014 (1863)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.