Das Kreuz mit dem Schreiben
Verflixt und zugenäht: Die richtige Dialektschreibweise

Wein, mag es ein noch so edler Tropfen sein, heißt im Oberpfälzischen Wei. Dialekt zu schreiben ist schwierig, denn er soll noch lesbar sein und die feinen Nuancierungen dürfen auch nicht verloren gehen. Zwischen Braoud und Broud beispielsweise ist ein himmelweiter Unterschied. Bild: NT-Archiv
Die Schreibung des Dialekts, im Fachjargon "Dialektverschriftung" genannt, ist ein heikles Thema und ein schwieriges Terrain. Ein heikles Thema deswegen, weil unter vielen Mundartautoren die irrige Meinung vorherrscht, man könne verfahren, wie man wolle, und sie sich deshalb schwerlich vom Gegenteil überzeugen lassen. Dabei führen sie hauptsächlich das Argument ins Feld, es handle sich beim Dialekt um eine mündliche Sprachform, für die es an sich keine festen Regeln geben könne. Diese Annahme ist nur bedingt richtig und die Schlussfolgerung somit nicht in Gänze zutreffend.

Dialektverschriftung ist auch ein schwieriges Terrain, mit dem sich die wenigsten intensiv auseinandersetzen, weshalb ihnen auch die damit verbundene Problematik in ihrer vollen Tragweite nicht klar ist. Um jedoch die Laute einer Mundart adäquat in Form von Schriftzeichen korrekt wiedergeben zu können, bedarf es genauer Kenntnisse des zugrunde liegenden Sprachsystems. Diese Schriftzeichen sind gemeinhin die Buchstaben des Alphabets, da andere, eigens für diesen Zweck geschaffene Transkriptionssysteme für den Laien nicht lesbar sind und von daher etwa für die Mundartdichtung ausscheiden. Ganz zu schweigen von der Schwierigkeit ihrer Beherrschung.

Da aber jeder Dialekt ein eigenständiges, in sich geschlossenes Sprachsystem mit spezifischen Gesetzmäßigkeiten bildet, ist es im Sinne der Ernsthaftigkeit und Konsequenz erforderlich, diese Gesetzmäßigkeiten durch die Schrift so exakt wie möglich abzubilden. Alles andere führt dazu, dass die Schreibung dialektaler Wörter und Texte auf die Ebene des Gutdünkens abgleitet. Dadurch sind der Willkür Tür und Tor geöffnet, was in Bezug auf die Nachvollziehbarkeit oft abstruse Sachverhalte zeitigt, die nicht selten dazu beitragen, den geschriebenen Dialekt der Lächerlichkeit preiszugeben.

Als oberste Prämisse sollte für jede Art von Dialektverschriftung ein Kompromiss zwischen Lauttreue und Lesbarkeit mit einer innerhalb eines Textes einheitlichen und konsequenten Anwendung der entsprechenden Schriftzeichen gelten. Für das Nordbairische betrifft dies in erster Linie die Zwielaute (Diphthonge), davon im Besonderen: ai, äi, ei, ej, aou und ou. Sie tauchen z. B. in folgenden Wörtern auf: Wai (Weib), wäi (weh), Wei (Wein), wej (wie), Braoud (Brot) und Broud (Brut). Ein weiterer sensibler Bereich ist die Lenisierung im Dialekt. Darunter versteht man gemeinhin die Verwendung eines schwachen Mitlauts (Konsonant) anstatt eines starken in der Standardsprache. Dies geschieht unter bestimmten Voraussetzungen, so zum Beispiel meist am Anfang eines Wortes oder bei einsilbigen, lang gesprochenen Wörtern. Belege dafür sind Diesch (Tisch) und Dreg (Dreck).

Aufgrund der gebotenen Kürze ist es an dieser Stelle nicht möglich, auf alle relevanten Fälle einzugehen, in denen sich die Dialektverschriftung nach den Eigengesetzlichkeiten der jeweiligen Mundart richten sollte. Außerdem ist es wegen der Heterogenität der Dialektlandschaften nicht angebracht, ein allgemeingültiges verbindliches System propagieren zu wollen.

Zudem ergeben sich auch für den Eingeweihten immer wieder Situationen, in denen er sich in der Zwickmühle befindet und mehr oder weniger spontan reagieren muss. Unter diesen Aspekten sollen diese Ausführungen in erster Linie der Bewusstmachung des grundsätzlichen Problems dienen und als Anregung zum Überdenken der eigenen Vorgehensweise. (slu)

___

Die Serie im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/dialekt
Weitere Beiträge zu den Themen: Oktober 2015 (8435)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.