"Das Rathaus geht mir nicht ab"

"Irgendwie alterslos", "Hat sich gut gehalten" - etwas in dieser Art wird Gerd Werner am Sonntag dutzendfach in die Ohren kriechen. Dass er tatsächlich siebzig wird, nimmt er gelassen. Auch wenn 53 Jahre im Rathaus ihre Spuren hinterlassen haben, wie der Altbürgermeister zugibt.

Herr Werner, über Ihren Fitnesszustand müssen wir nicht lange reden. Was wünschen Sie sich zum 70. Geburtstag außer Gesundheit?

Werner: Nicht mehr viel. Wenn man lange gearbeitet hat, ist das einfach das Ziel. Und natürlich innerfamiliärer Zusammenhalt.

Wie feiern Sie?

Werner: In ganz kleinem Rahmen. Zum Vierzigsten, Fünfzigsten, Sechzigsten stand ich ja in der Öffentlichkeit, da mussten es einfach große Feste sein. Als Privatmann ist es anders. Ich fahre aber nicht weg und fliehe. In nächster Zeit setze ich mich mit der Verwandtschaft und guten Freunden zusammen.

Dabei wird wohl viel in der Vergangenheit gewühlt werden. Was war Ihr schönster Moment als Bürgermeister?

Werner: Schöne Momente gab es eigentlich immer dann, wenn etwas so geklappt hat, wie man es sich vorgestellt hat. Dazu gehört der 18. März 1984. Da wurde ich als Politneuling mit 69 Prozent zum Bürgermeister gewählt. Das hat mich gerührt. Aber das ist nicht mit den schönen Augenblicken im Privaten vergleichbar. Wenn man eine Familie gründet, wenn die Enkel kommen, das ist richtig toll.

Die schlimmste Situation im Amt?

Eine Enttäuschung war sicherlich der Niedergang der Glasindustrie in der Stadt, speziell der Firma Nachtmann, bei dem du als Bürgermeister eigentlich nur hilflos zuschauen kannst. Wenn man bedenkt, dass es 1961, als ich im Rathaus die Verwaltungslehre begann, über 2000 Glas-Arbeitsplätze in Neustadt gab und später stehen dir als Bürgermeister Arbeiter gegenüber, die dich um einen Job bitten und du hast keinen für sie, das tat schon weh.

Ihr Name ist auch mit früher umstrittenen Projekten wie Umgehung und Stadthalle verbunden. Sind Sie zufrieden, was daraus geworden ist?

Werner: Ja, es ist so verwirklicht worden, wie ich es mir gedacht hatte. Ich war ja einer der wenigen, die was auf eine Tunnel-Lösung für die Umgehung gegeben haben. Da bin ich in übergeordneten Ämtern ja fast für verrückt erklärt worden.

Wie das?

Es war klar, dass ein Tunnel teuer ist, aber alles andere wäre ein massiver Eingriff in die Landschaft gewesen. Das hätte Klagen nach sich gezogen und das Projekt um Jahre verzögert. Der Tunnel kam dagegen ohne jede Klage durch. Und es gab noch sagenhafte 80 Prozent Förderung. Ich habe auch immer gesagt, dass er nur in Verbindung mit der Störnsteiner Spange sinnvoll ist. Bei der Einweihung haben mir dann alle gratuliert, dass die Entscheidung richtig war. Es war aber auch Glück, dass Landrat Simon Wittmann oder Hermann Weigl vom Straßenbauamt kräftig mit angeschoben haben.

Heute wird über den Stadtplatz diskutiert, dessen Sanierung auch eine Folge der Umgehung ist. Sind Sie mit der Lösung zufrieden?

Werner: Ich stehe voll dahinter und bin froh, dass sich der Stadtrat für das Pflaster und gegen ein Teerband entschieden hat. Unebenheiten wird es immer geben, aber wir sollten doch den historischen Charakter der Altstadt zur Geltung bringen. Dank der Umgehung ist jetzt auch der Lkw-Verkehr draußen. Traurig stimmt mich, dass es mit der Gastronomie am Stadtplatz nicht vorangeht, aber das Problem haben andere Kommunen auch im Ortskern.

Sie sind mit Ihrem Nachfolger Rupert Troppmann befreundet. Gehen Sie noch miteinander radeln?

Werner: Beim Radeln ist er mir inzwischen zu überlegen. Er macht ja Touren bis an die Adria, ich bleibe eher in der Oberpfalz. Seine Arbeit schätze ich als sehr wirkungsvoll für Neustadt ein. Er braucht dazu auch keinen Rat von mir. Er erkennt vieles sofort und setzt es um, auch wenn es mal Widerstände gibt.

Nach 24 Jahren als Bürgermeister oder Mitglied der SPD-Fraktion sind Sie seit dieser Periode erstmals nicht mehr im Stadtrat. Vermissen Sie etwas?

Werner: Die Atmosphäre im Rathaus geht mir nicht ab. Ich bin glücklich, dass ich überall hingehen kann, ohne dass es heißt, "jetzt kommt der schon wieder". Es war die richtige Entscheidung, mit 63 aufzuhören. Man sollte sich nicht dem Trugschluss hingeben, dass es ein anderer nicht genauso gut kann.

Als Italien-Fan haben Sie jetzt Zeit, dieses Hobby auszuleben.

Werner: Mich hat das Land schon immer beschäftigt - in kulinarischer Hinsicht, als Freizeitsportler, sprachlich und von der Geschichte her. Daher bin ich oft kreuz und quer in Norditalien unterwegs, im Winter in den Dolomiten, im Sommer in Ligurien und im Herbst bei Städtereisen.

Ihr Urlaubstipp?

Werner: Umbrien, das grüne Herz des Landes. Es bietet im Kleinen fast so viel wie die Toskana.
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