Das Simultaneum

Das Simultaneum im Sulzbacher Land hat eher zur Vertiefung der Gräben zwischen den Konfessionen beigetragen als zu einer Annäherung, wie von Herzog Christian August beabsichtigt. Das erzwungene Miteinander führte zu Streitigkeiten, die sich teilweise ins Absurde steigerten:

Der versperrte Taufstein

Nach heftigen Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Katholiken versperrten die Glaubensbrüder in der simultanen Stadtpfarrkirche in Sulzbach im 19. Jahrhundert gegenseitig den Deckel des Taufsteins. Das führte dazu, dass in dem Gotteshaus am Luitpoldplatz rund 100 Jahre weder katholisch noch evangelisch getauft werden konnte. Das Simultaneum in der Stadtpfarrkirche endete erst 1957. Seither ist St. Marien rein katholisch. (upl)

Ein Altar zum Kurbeln

Zur Zeit des Simultaneums befand sich an den Chorstufen der Sulzbacher Stadtpfarrkirche ein eigener evangelischer Altar mit origineller Technik: Per Kurbel konnte der katholische Mesner den Oberbau des Altars einfahren, um beim Gottesdienst den Blick auf den rein katholisch genutzten Hochaltar nicht zu versperren. Auch gab es für jede Konfession eine separate Sakristei-Tür. Erst nach der Auflösung des Simultaneums entwickelte sich in Sulzbach eine rege Ökumene. Das "ökumenische Kirchenviertel" aus mehreren evangelischen und katholischen Gebäuden rund um St. Marien heißt heute scherzhaft "Sulzbacher Vatikan". Die Pfarrhöfe sind dort unmittelbare Nachbarn. (upl)

Der Friedhofsbann

Der evangelische Pfarrer von Fürnried betreute auch die wenigen Protestanten im überwiegend katholischen Nachbarort Heldmannsberg, wo es eine katholische Pfarrkirche mit dazugehörigem Friedhof gibt. Wenn dort ein evangelischer Christ aus einer konfessionsverschiedenen Ehe starb, durfte er nicht auf dem heimischen Friedhof begraben werden, sondern fand seine letzte Ruhestätte in Fürnried - getrennt von seinem Ehepartner.

"Das war besonders tragisch", erzählt die frühere Fürnrieder Pfarrerin Heidi Kurz. "Die Eheleute wurden im Tod getrennt - nicht nur auf verschiedenen Friedhöfen, sondern auch in verschiedenen Landkreisen und Regierungsbezirken." Das nicht einmal einen Kilometer entfernte Heldmannsberg gehört bereits zum mittelfränkischen Kreis Nürnberger Land. Erst 1999 war es mit dieser Art von Trennung zu Ende. "Unser katholischer Kollege hat es dann erlaubt, dass auf dem Friedhof auch evangelische Christen bestattet werden dürfen. Das war für uns natürlich ein langersehnte Nachricht." (upl)

Der rollende Altar

Die Kirche von Fürnried ist - neben den Gotteshäusern in Illschwang und Eschenfelden - eine von drei Pfarrkirchen in der Region, die bis heute simultan genutzt werden. Bevor der katholische Geistliche in Fürnried seine Messe zelebriert, schiebt der Mesner einen mit Rollen ausgestatteten Volksaltar an den vorgesehenen Platz. Nach dem Gottesdienst verschwindet der Opfertisch der Katholiken wieder hinter dem Hochaltar. (upl)

Die Pfarrhaus-Verlosung

Nicht nur die Kirchen wurden im 17. Jahrhundert zwischen den Konfessionen geteilt, auch die Pfarrhäuser und die dazugehörigen Grundstücke. Weil Königstein und Eschenfelden nahe beieinander liegen, haben sich die Verantwortlichen eine Lösung einfallen lassen, die sich im Nachhinein bewährt hat. Die beiden Pfarrhäuser wurden nicht jeweils geteilt, sondern einzeln verlost. Das Pfarrhaus in Königstein samt Garten fiel den Katholiken zu, das Pfarrhaus in Eschenfelden erhielt der evangelische Pfarrer.

Proporz auf allen Posten

Alle staatlichen Posten im Herzogtum Sulzbach mussten mit Beginn des Simultaneums mit der gleichen Anzahl evangelischer und katholischer Amtsträger besetzt werden. Das betraf unter anderem die Totengräber, die Nachtwächter, die Ärzte, die Hebammen, die Polizisten (Amtsknechte) und die Förster. Der Riss zwischen den Konfessionen ging sogar soweit, dass es in einigen Orten je einen katholischen und einen evangelischen Braumeister gab. Auch das Essen blieb vom Simultanwesen nicht verschont: Im Sulzbacher Land wird noch heute zwischen evangelischem und katholischem Schmalzgebäck unterschieden. Die protestantischen Kücheln sind eckig, die der romtreuen Glaubensbrüder rund. (upl)
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