Das traurige Ende Josef Bailers

Schlicht war die Todesanzeige, die Anteilnahme der Bevölkerung bei der Beerdigung war dagegen außergewöhnlich. Sie geriet zur stillen Demonstration gegen Diktatur und Willkür. Bilder: do (2)

Vor 70 Jahren kamen die Amerikaner in die Oberpfalz. Von welcher Macht die US-Army die Menschen damals befreiten, zeigt das Schicksal von Josef Bailer, dem letzten freigewählten Bürgermeisters von Eschenbach vor den Nazis.

In der Weimarer Republik brauchten die Nationalsozialisten griffige Propaganda, um ihre Erfolglosigkeit zu bekämpfen. Die Oberpfalz war Katholiken-Land und Hoheitsgebiet der Bayerischen Volkspartei (BVP). So konnten die Nationalsozialisten nichts ernten. Im Landkreis Eschenbach kam bei der Reichspräsidentenwahl 1932 der spätere "Führer" nur auf 2.242 Stimmen. Paul von Hindenburg sammelte 11 446 Stimmen und auch bei den Landtagswahlen lagen die Nationalsozialisten "unter ferner liefen". In Eschenbach kamen bei 1078 gültigen Stimmen die Braunen auf 160, 854 wählten die Volkspartei, 42 die SPD.

Die Nazis mühten sich, mit Hass-parolen gegen alles Katholische das Volk zu beeinflussen. Die Zeit der Bedeutungslosigkeit war mit der Machtergreifung am 30. Januar 1933 vorbei. Rasch bekam dies der Eschenbacher Stadtrat zu spüren. Mit einer klaren Mehrheit ausgestattet, bestimmten anfangs die Stadträte der Bayerischen Volkspartei das kommunale Geschehen. Nicht mehr lange. Josef Ficker wird zwar von der Stadtratsmehrheit zum Bürgermeister gewählt, den Amtsantritt verhindert aber eine Anordnung des Bezirksamtes. Die Demütigungen und die Einschüchterungsversuche der Ratsmitglieder eskalierten bald. Auch der von der Fraktion der BVP anstelle von Josef Ficker ins Rennen geschickte Josef Bailer wird zwar gewählt, die Ernennung durchs Bezirksamt bleibt aus. Am 26. Juni 1933 ordnet der Sonderkommissar beim Bezirksamt Eschenbach, Sturmbannführer Muggenthaler aus Pressath, "Schutzhaft" für einige Stadträte und "widerspenstige Volkspartei-Mitglieder" an. Auch Josef Ficker, Bezirksvorsitzender der BVP und Martin Dobmann aus Kirchenthumbach mussten ins Amtsgerichtsgefängnis in Eschenbach.

Bekanntschaft mit der "Schutzhaft" machen auch Kaplan und Pfarr-Administrator Josef Gruber, Baptist Hubmann, Ignaz Praun, Karl Rohrer, Josef Kirmeier, Josef Prösl, Hans Hubmann und der ebenfalls von der NS-Maschinerie verhinderte Bürgermeister Josef Bailer. 50 Jahre später, im Jahr 1985 berichtete der damals 86-jährige Zeitzeuge Michael Kallmeier: "Es war die Zeit der Schutzhaft. Nicht einmal im Wirtshaus war man vor den NS-Spähern und Denunzianten sicher. Beim Zoigl musste man sich jedes Wort zweimal überlegen. Die Faulenzer und Großmäuler waren plötzlich oben auf und drohten mit Abholung und Dachau."

Michael Kallmeier wurde auch zum Zeugen eines Vorfalles, der in einer Tragödie enden sollte. Beim Besuch der Zoiglwirtschaft Böllath am Abend des zweiten Weihnachtsfeiertages 1933 wird der 51-jährige Josef Bailer von eingefleischten Nazis wiederholt angepöbelt. Seit Monaten ist der abgesetzte Stadtrat und verhinderte Bürgermeister Schikanen ausgesetzt. Auch Schläge und Erniedrigungen in einer mehrwöchigen "Schutzhaft" gehören zum Versuch der Umerziehung durch SA und SS.

Beim Verlassen der Zoigl-Stubn drohen bekannte Nazis mit der endgültigen Abholung. Noch in der Nacht sollte der Psychoterror wirken. Von panischen Ängsten getrieben, läuft der selbstständige Wagnermeister schreiend zum Schlafzimmerfenster und springt aus dem ersten Stock kopfüber in die Ledergasse. Kurz darauf stirbt er an den Folgen.

Die Eschenbacher Volkszeitung schilderte Tag den Unfallhergang so: "Herr Bailer stürzte aus bisher noch nicht festgestellter Ursache aus seinem im 1. Stock gelegenem Schlafzimmer am Stephanstag früh um halb 5 Uhr auf das Straßenpflaster und verschied wenige Augenblicke nach dem Unfall. Der Verstorbene fiel zirka 3 ½ Meter hoch herunter und so unglücklich auf den Kopf, dass die Hirnschale zerschmettert wurde". Die Lokalzeitung berichtete von Hunderten von Bürgern an der Unfallstelle nach dem Bekanntwerden des tragischen Unglücks.

In der Laudatio auf den fünffachen Vater hieß es: "Bailer war ein Veteran des 1. Weltkrieges. (....) Durch das Vertrauen der Bürgerschaft wurde Bailer in den Stadtrat berufen und war viele Jahre Feuerwehrkommandant. Mit voller Hingabe widmete er sich seiner Wagnerei und der Landwirtschaft". Auch die Schikane der "Schutzhaft" blieb nicht unerwähnt. So schrieb die Volkszeitung unter anderem: "Nachdem Bailer in der Zeit der Revolution 1933 Stadtrat der Bayerischen Volkspartei war, kam er im Juni 1933 mit in Schutzhaft und dies hat dem lebensfrohen Manne seelisch sehr weh getan. Bailer wurde auch zum 1. Bürgermeister bestimmt, aber nicht bestätigt. Nach seiner Entlassung aus der Schutzhaft war Bailer ein zurückgezogener, wortkarger Mann. Sein verändertes Wesen fiel jedermann auf. Der Verstorbene war ein aufrechter, offener Mann, der seine Ansicht in ehrlicher, aufrichtiger Weise vertrat".

"Groß war die Anteilnahme der Bevölkerung aus dem Bezirk Eschenbach", schrieb die Volkszeitung über die Beerdigung. Sechs Feuerwehrmänner trugen ihren langjährigen Kommandanten zu Grabe. In zahlreichen Grabreden würdigten die Vertreter der Vereine und Verbände die Leistungen. Olga Danzer, Ehefrau des Enkels von Josef Bailer fällt auf: "Niemand ging laut Bericht in der Zeitung auf die tragischen Hintergründe des Unglücks ein". Die Leidenszeit des Verstorbenen vor Augen, hätte vermutlich jede öffentliche Kritik gegenüber den Nazi-Häschern zu Repressalien geführt.
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