Das Versteck auf dem Land

Elfriede Nemec-Losert zeigt das Zimmer, in dem 1945 mehrere Monate die verfolgte Jüdin Rosa Hoffmann versteckt wurde. Die Tochter des letzten Müllers der Haidmühle war da natürlich noch nicht auf der Welt. "Aber es ist uns oft erzählt worden." Um in die kleine Kammer mit Blick auf die Weiher zu gelangen, muss man die schmale Treppe nach oben und erst noch ein weiteres Zimmer durchqueren. Bilder: ca
 
Anna und Josef Lindner, hier ihr Hochzeitsbild, nahmen 1945 ein großes Risiko auf sich.

Wochenlang beobachtet der 18-jährige Walter, wie Teller mit dampfendem Essen die steile Stiege nach oben getragen werden. Für wen? Fragen traut er sich nicht. Er ist ein schmächtiger Flüchtlingswaise aus Ostpreußen, aufgenommen von den kinderlosen Eheleuten Anna und Josef Lindner auf der Haidmühle bei Altenstadt/WN.

Altenstadt/WN. Leere Teller kommen zurück. "Das ist mir aufgefallen." Walter hört auch, wie mit der Magd getuschelt wird. Problem beim Lauschen: Der Ostpreuße ist der oberpfälzischen Sprache damals noch nicht mächtig. "Ich habe nichts verstanden." Als im April 1945 amerikanische Panzer nach Altenstadt/WN rollen, lüftet sich das Rätsel. Eine zierliche Frau kommt die Treppe herunter: "Gelacht hat sie übers ganze Gesicht, sie hat sich sichtlich gefreut." Der Krieg ist aus. Die Jüdin Rosa Hoffmann, damals 47 Jahre alt, hat den Holocaust überlebt. Auch dank Familie Lindner, die sie über mindestens drei Monate im hintersten Kämmerchen des ersten Stocks versteckt hat. Darin stehen ein Bett und ein Schrank: "Wenn wer kommt, sollte sie da hineingehen."


Einzige Überlebende

Rosa Hoffmann gilt als einzige Weidener Jüdin, die den Zweiten Weltkrieg vor Ort überlebt hat. Von 170 Juden war über die Hälfte ausgewandert. Wer blieb, starb: Mindestens 44 Weidener Juden kamen in osteuropäischen Vernichtungslagern ums Leben, darunter die Eltern von Rosa Hoffmann, geborene Rebitzer, im KZ Theresienstadt.

Rosa ist mit dem evangelischen HNO-Arzt Dr. Friedrich Hoffmann verheiratet. Die Mischehe kann sie nicht dauerhaft schützen. 1939 meldet sich Rosa in das anonyme Berlin ab. Als auch dort die Bedrohung zunimmt, holt sie ihr Mann heimlich nach Weiden zurück. 1944 wird sie gemeinschaftlich von zwei Familien versteckt. Im Bahnwärterhaus von Familie Rott und in der Dachwohnung von Familie Schuller am Unteren Markt. Aus Sicherheitsgründen wird der Aufenthaltsort mehrmals gewechselt. Es war immer bekannt, dass es ein drittes Versteck auf dem Land gab. Nur nicht wo.

Die 87-jährige Rosa Betz hat jetzt das letzte Geheimnis um Rosa Hoffmann gelöst. Ihre Eltern Josef und Barbara Hauer aus Altenstadt/WN waren mit den Haidmüllnern gut befreundet. Als 17-Jährige erfuhr sie erst nach Kriegsende von der Heldentat. "Vorher hatte man Angst, dass ich mich verplappere." Wie kam die verfolgte Jüdin ausgerechnet auf die Haidmühle? Gut möglich, dass die Hauers die Adresse vermittelten. Josef Hauer war Schaffner und kannte den Eisenbahner Nikolaus Rott, der das Weidener Versteck stellte.

Barbara Hauer war wiederum mit jüdischen Familien gut bekannt. Bis 1904 war sie Hausmädchen bei den Schuhfabrikanten Boscowitz in der Max-Reger-Straße. "Sie haben sie immer wie ein Familienmitglied behandelt", weiß die Tochter. Dort lernt sie auch den Onkel von Rosa Hoffmann kennen: Dr. Berthold Rebitzer, dem sie die Instrumente desinfiziert. "Das waren gute Leute." Als es für Rosa Hoffmann brenzlig wird, revanchieren sich die Hauers.

Bei Treck Familie verloren

Filmreif wäre auch die Lebensgeschichte von Walter Lindner, geborener Schneidereit. Er stammt aus dem Memmelland in Ostpreußen. Als die Rote Armee im Frühjahr 1945 aufrückt, schließt sich seine Familie dem Treck nach Westen an. Mit zwei vollgepackten Pferdewagen. Walter geht zu Fuß. Als er müde wird, findet er auf einem fremden Wagen ein Plätzchen zum Schlafen. "Und als ich aufwachte, fuhr der Wagen allein." Walter hat seine Familie verloren. "Da habe ich erstmal geweint." Walter Lindner ist damals ein mageres Kerlchen, nur 1,56 Meter groß.

Über einen Suchdienst findet er die ältere Schwester wieder. Die Eltern überleben den Krieg nicht. Die Geschwister erreichen Bayern 1945 mit einem Flüchtlingszug. In Altenstadt/WN kommen sie bei Familie Lindner unter. Das Ehepaar Anna und Josef Lindner ist kinderlos und hat schon einmal einen Sohn angenommen. Der blieb im Krieg. Dem jungen Walter wird das Angebot gemacht, auf der Haidmühle bleiben zu können. "Unter drei Bedingungen", erinnert sich der 88-Jährige. Er muss den Namen Lindner annehmen. Er wird katholisch gemacht: Der Lutheraner konvertiert. Und, dritte Voraussetzung: Er muss eine der Töchter des Lindner-Bruders aus Troglau heiraten. "Wir haben uns also zur Brautschau aufgemacht", erzählt der alte Herr. Eine Tochter war 15, die andere 18. "Da habe ich eben die Jüngere genommen." Bis zur Heirat wird sieben Jahre gewartet, das Paar hat sich dann gut verstanden. Drei Kinder und sieben Enkel haben das Leben des Ostpreußen Walter Lindner bereichert. Seinen Lebensabend verbringt er in dem Haus, in dem er vor 70 Jahren ankam, in der Idylle der Haidmühle. In dem Haus, in dem vor 70 Jahren noch eine heimliche Mitbewohnerin lebte.
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