Der alltägliche Wahnsinn

Die oberbayerische Kabarettistin Martina Schwarzmann begeisterte mit ihrem Bühnenprogramm "Gscheid gfreid" ihr Publikum im ausverkauften Gwäxhaus in Güttern. Bild: stg

Mit jeder Menge trockenem Humor begeistert Martina Schwarzmann am Samstagabend im ausverkauften "Gwäxhaus" in Güttern. Zweieinhalb Stunden lang sorgt sie dafür, dass sich das Publikum - getreu dem Programmtitel - "Gscheid gfreit".

Ein Journalist hat sie einmal nach ihren Träumen gefragt. Und dann hat sie erzählt vom "Nackt-einkaufen-gehen", vom erneuten Besuch der Berufsschule oder vom Tretbootfahren am Ammersee. Und auch davon, als Kabarettistin vor 30 oder 40 Zuhörern auf der Bühne zu stehen und zum Lebensunterhalt noch Zeitungen auszutragen: "Heute muss ich schon Gwäxhäuser bespielen, weil die Hallen nicht mehr langen."

Eigentlich gehört sie ja ins Bett, stimmlich ist Schwarzmann - mittlerweile unübersehbar werdende Mutter - praktisch am Ende. Die Glastasse mit Kamillentee bewirkt aber so manches Wunder. "Mir tut nix weh, aber ich kling' einfach scheiße", räumt sie ein.

Unschuld vom Lande

Der guten Stimmung tut dies aber keinen Abbruch. Wenn Schwarzmann so auf der Bühne sitzt, wirkt sie wie die klassische "Unschuld vom Lande". Der Schein trügt aber - und zwar gewaltig. Sie erzählt ihre Geschichten aus dem Alltag, gibt ihre Beobachtungen und Erfahrungen wieder. Vieles davon verpackt sie in Lieder. Und schaut dabei den Mitmenschen "aufs Maul"

Vieles im Programm dreht sich um die Familie - sei es die eigene, wo der Ehemann und die beiden Kinder für manche Pointe herhalten müssen. Oder eben die ganze Verwandtschaft mit ihren "Knallern" wie ihrem Cousin Bernie, der "fleischgewordenen Meno-Pause", oder den gesamten Tanten und Onkeln am 70. Geburtstag von Tante Helga.

Schwarzmanns Erkenntnis: "Der liebe Gott hat Dich in diese Familie hineingeboren, weil er gewusst hat: Du packst das!". Kinderbetreuung sei ja eine hervorragende Sache, da lerne man dann auch, wie mit Hilfe einer Fußbodenheizung leckere Bananenchips gemacht werden können. Oder welche Blüten der Basteltick treiben kann, so dass beim Waldspaziergang aus Schneckenhaus, Streichhölzern und "Hundewurst" ein tolles Ergebnis entsteht.

Musikalisch sinniert und philosophiert Schwarzmann übers Muti-Tasking ("Ein Riesen-Scheißdreck"), Unterhosenbügeln und die "geheimen Tage" der durch Heirat erworbenen Aufgabe der Grabpflege ("Wenn ein Geschwür blühen könnte, dann schaute es aus wie Eisbegonien"). Immer wieder bekommt die Kabarettistin Zwischenapplaus, der Wortwitz und der oft auch enthaltene Tiefsinn kommt beim Publikum bestens an.

Geschichten aus dem Alltag einer Hausfrau, die sich eher als "Haushaltsopfer" sieht, begeistern genauso wie die mitgefühlte Wandlung Schwarzmanns vom Bauch- über die Rücken- bis hin zur Seitenschläferin. Sie besingt die Forderung nach mehr Toleranz zwischen Dicken und Dünnen, beschreibt den faulen Ehemann einer Freundin, die für ihn nun Pflegestufe 3 beantragt habe, und trägt das Gedicht vor, für das ihr eine "bedingungslose Niveaulosigkeit, die durch nichts zu entschuldigen" sei, bescheinigt wurde.

Und sie erzählt minutenlang von der Angst vor einer Polizeikontrolle im Zusammenhang mit der kaputten Halterung fürs Warndreieck, die sie per Kabelbinder und Heißkleber ersetzt habe - weswegen sie jetzt ein scharfes Küchenmesser im Handschuhfach brauche. Der alltägliche Wahnsinn eben, Geschichten, die das Leben schreiben. Den Zuhören gibt Schwarzmann auch ihr Plädoyer mit auf den Weg, in Todesanzeigen die Konfektionsgrößen der Verstorbenen anzugeben: "Was man da Ressourcen sparen könne!"

Die Pointe sitzt

Und auch das eigene "Merchandising" nimmt die Künstlerin auf die Schippe - warum es eben keine T-Shirts, sondern Geschirrtücher gibt. Das alles schafft Schwarzmann mit relativ wenigen Ausflügen unter die Gürtellinie. Und wo es dann doch geschieht, sitzt die Pointe auch wirklich. Respekt - und um in Schwarzmanns Sprachduktus zu bleiben: "Dem ist nichts hinzuzufügen!"
Weitere Beiträge zu den Themen: Güttern (57)März 2015 (9461)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.