Der Feind im Dorfe

Bahnposten 27, das Häuschen der Kriegswitwe Gebert und ihrer sechs Töchter. Hier kampierten die amerikanischen Soldaten in der Nacht nach der Besetzung von Röthenbach. Repro: jml

Vor 70 Jahren besetzten US-Soldaten Röthenbach. Die deutschen Soldaten waren da schon weg. Zeitzeugen erinnern sich.

Kohlberg. "Soldiers? ... Soldiers? ..." riefen die US-Soldaten, als sie mit schussbereiten Gewehren am 27. April 1945 in die kleinen Häuser von Röthenbach eindrangezn. Die verängstigten Bewohner verstanden nicht, dass die Männer in den braunen Uniformen nach versteckten deutschen Soldaten suchten. Sie fanden keine mehr. So kam es, dass die Amerikaner bald wieder abzogen, ohne dass auch nur ein Schuss fiel.

70 Jahre nach Kriegsende noch verlässliche Augenzeugen zu finden, ist nicht leicht. Sie leben nicht mehr oder können und wollen sich nicht an die schlimmen Zeiten erinnern. Auch Fotos, als amerikanische Soldaten die Oberpfalz besetzten, sind rar. Die Leute hatten andere Interessen, als Bilder zu machen.

Lehrer schreibt alles auf

Für den Kohlberger Ortsteil Röthenbach sieht das anders aus. Da gab es kurz nach Kriegsende Anton Meindl, den Flüchtlingslehrer. Er hat ab 1955 begonnen, mit seiner Orts-Chronik ein historisches Dokument zu schaffen. Meindl gibt in gestochener Handschrift exakt die damaligen Umstände wieder und streift viele Themen aus Geschichte, Natur und Umwelt. Dann war es noch ein besonderer Glücksfall, dass mich hilfreiche Röthenbacher auf Franz und Barbara Weigl in Weiherhammer aufmerksam machten. Sie können sich noch gut an alles erinnern.

Doch zu den Aufzeichnungen von Meindl. Mit "Die Notzeit am Ende des Zweiten Weltkrieges" überschrieb er die Kapitel von Ende 1944 bis zum 27. April 1945, als amerikanische Soldaten Röthenbach besetzten. 40 Mann - ziemlich alle waffenfähigen Männer des Ortsteils - waren zur Wehrmacht eingezogen. Diese fehlenden Arbeitskräfte versuchte der Nazi-Staat durch verschleppte polnische Familien sowie kriegsgefangene Franzosen und Serben zu ersetzen.

In den letzten Kriegsmonaten wurde 1944 eine SS-Division in die Gegend verlegt. In Röthenbach war der Verpflegungsstab mit etwa 80 Mann eingerichtet. Am 22. März 1945 zog die Truppe wieder ab. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn Amerikaner und Deutsche sich hier bekämpft hätten. Unter der Überschrift "Kinder in Uniform" berichtet Meindl von einigen Hundert 16- bis 18-jährigen Burschen. Sie waren zu Jahresbeginn 1945 aus verschiedenen Arbeitslagern nach Röthenbach deportiert worden und hausten wochenlang in windigen Zelten auf einer Wiese am Hammerweiher.

Nur in abgewetzte Wehrmachtsuniformen gehüllt erfroren sie fast, erkrankten an Typhus, litten erbärmlich Hunger und bettelten bei den Dorfbewohnern um Essen. Kurz bevor die Amerikaner anrückten, marschierten auch sie ab. Am 25. April sprengte ein Kommando der Wehrmacht "in sinnloser Weise", wie Meindl schreibt, die Bahnbrücke über den Hammerweiher.

Am 27. April fuhr auf der Straße von Dürnast ein schwerbewaffneter Trupp mit zwölf Amerikanern in Jeeps zum Ortsrand. Dort stand ein kleines Bahnwärterhaus, bewohnt von einer Kriegswitwe und ihren sechs Töchtern im Alter von knapp einem bis zur Ältesten mit 15 Jahren. Ein Soldat trat mit vorgehaltener Maschinenpistole in die Wohnung und fragte nach deutschen Soldaten. "Soldiers? ... Soldiers? ...", er schaute in alle Kammern. Dann schwärmte die Gruppe aus und durchsuchte alle Häuser nach Waffen und Wehrmachtsangehörigen.

Ein zweiter Trupp näherte sich mit Panzern auf den Bahngleisen von Konradinsgrund. Vor der zerstörten Brücke bogen sie auf den Feldweg zum Ort ab. Im Schloss der Familie von Grafenstein zerschlugen die Soldaten Waffen an Steinen und Mauerecken, rissen Führerbilder von den Wänden und trampelten darauf herum. Einige Buben in der Uniform der Hitlerjugend wurden verprügelt.

Angst vor Soldaten

"Nachdem sie ihr Werk vollendet hatten, rollten die Panzer weiter", schrieb Meindl. Die zwölf Infanteristen übernachteten im Bahnhaus. Sie trugen in ihren Stahlhelmen Eier aus den Hühnerställen des Schlosses, angelten im Hammerweiher Fische und bereiteten sich in der Küche ihr essen. Mit den Schusswaffen in der Hand schliefen sie ein. "Der Krieg war nach Deutschland zurückgekehrt", vermerkte der Lehrer.

Die gleiche Geschichte erzählte auch Barbara Weigl. Sie war die älteste der Töchter der Kriegswitwe Gebert. Der Bahnposten 27, das Bahnwärterhaus, war ihre Heimat. Sie war das ganze Leben sparsam, denn sonst hätten sie und ihr Mann sich das schmucke Häuschen in Weiherhammer nicht leisten können. Der Röthenbacher Franz Weigl war im Krieg Obergefreiter auf einem Zerstörer. Er berichtet: "Ende 1946 kam ich aus dem britischen Internierungslager zurück. Am Bahnhof in Röthenbach bin ich genau an meinem Geburtstag aus dem Zug gestiegen." Fünf Jahre später heirateten sie.

Als die Amerikaner anrückten, war Barbara Weigl auf dem Fahrrad auf dem Weg nach Weiherhammer. Sie sah die Jeeps mit den Soldaten, dachte aber, es wären deutsche Landser. Nach ein paar Stunden wieder zurück kam die Überraschung: Amerikaner, Feinde! "Damals hatten wir alle furchtbare Angst vor den Soldaten", berichtet sie. Nur ein paar Armbanduhren fehlten, als die Soldaten am nächsten Tag wieder in ihre Jeeps stiegen und der Spuk für Röthenbach vorüber war.
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