Der Himmelsstürmer
Caruana

Eigentlich verwundert es nicht, dass Fabiano Caruana beim 2. Sinquefield-Cup 2014 in St. Louis, dem mit einem Elo-Schnitt von 2801 stärksten jemals ausgerichteten Turnier, den Sieg davontrug. Doch die Art und Weise war schon außergewöhnlich. Er siegte mit 8,5 aus 10 im von sechs Supergroßmeistern doppelrundig gespielten Turnier und ließ dabei den Zweiten, Weltmeister Magnus Carlsen, um sage und schreibe drei Punkte hinter sich.

Wer ist dieser Himmelsstürmer? Geboren am 30. Juli 1992 in Miami/USA zogen seine Eltern 1996 nach New York. Dort wurde er bereits mit 5 Jahren von dem bekannten Trainer Bruce Pandolfini entdeckt. Seine ersten Erfolge: 2002 U-10-Sieger und 2003 U-12-Sieger bei den Panamerika-Meisterschaften, 2002 Fide-Meister, 2006 IM, 2007 GM.

Wegen seiner Großeltern besitzt Caruana auch die italienische Staatsbürgerschaft. 2006 entschloss er sich, künftig für Italien zu spielen. Weiter ragt heraus: 4-facher Italienmeister, 2012 und 2014 Sieg bei den Dortmunder Schachtagen. Spitzenbrett bei den Schacholympiaden 2008, 2010, 2012 und 2014.

Sehen Sie, wie der Himmelsstürmer beim Sinquefield-Cup den Weltmeister niederrang.

Weiß: Magnus Carlsen

Schwarz: Fabiano Caruana

1.e4 e5 2.Lc4 Sf6 3.d3 c6 4.Sf3 d5 5.Lb3 Lb4+ 6.c3 Ld6 7.Lg5 dxe4 8.dxe4 h6 9.Lh4 De7 10.Sbd2 Sbd7 11.Lg3 Lc7 12.0-0 Sh5 13.h3 Sxg3 14.fxg3 Sc5 15.Lxf7+ Kxf7 16.Sxe5+ Kg8 17.Sg6 Dg5 18.Tf8+ Kh7 19.Sxh8 Lg4 20.Df1 Sd3 21.Dxd3 Txf8 22.hxg4 Dxg4 23.Sf3 Dxg3 24.e5+ Kxh8 25.e6 Lb6+ 26.Kh1 Dg4 27.Dd6 Td8 28.De5 Td5 29.Db8+ Kh7 30.e7 Dh5+ 31.Sh2 Td1+ 32.Txd1 Dxd1+ 33.Sf1 Dxf1+ 34.Kh2 Dg1+ 0-1

Tagesnotizen: Unsere Taktikaufgabe Nr. 81a stammt aus dem Gibraltar-Open 2012. Der deutsche Spitzen-Großmeister Daniel Fridman mit Weiß am Zug saß seinem deutschen Landsmann, dem damals noch titellosen 19-jährigen Felix Graf, gegenüber. Dessen Position, die fast einem Schweizer Käse gleicht, hatte der GM schon deutlich geschwächt. Wie konnte Weiß die Partie zu seinen Gunsten entscheiden?

Schier unerschöpflich scheint der Fundus des Flensburger Internationalen Meisters für Schachkompositionen in dem von ihm gerne dargestellten Genre "Miniatur mit schwarzer Dame" zu sein. Auch der heutige Sechszüger in Aufgabe Nr. 81b wird zeigen, dass die schwarze Dame mit der Verteidigung ihres Königs überfordert ist. Erkennen Sie, wie Weiß dabei vorzugehen hat?

Lösungen: Mit Aufgabe Nr. 80a (W: Kh1, Th3, Sg8, Bf6 [4], S: Ke8, Tf8, Be7, f5, h2 [5]) war eine Studie des großen russischen Studienkomponisten Leonid Kubbel zum Lösen angeboten. Diese konnte durchaus auch das Finale einer Schachpartie gewesen sein.

Weiß am Zug schlägt den Gewinnweg mit 1.Th7! ein und setzt Schwarz damit in Zugzwang. Mit dem Textzug schließt Weiß die Entgegnungen 1...Txg8? (wegen 2.f7+) und 1...Kd8? (wegen 2.fxe7+) aus und droht 2.Txe7+ Kd8 3.f7 f4 4.Ta7, wonach Schwarz 5.Ta8+ nebst Turmverlust nicht vermeiden kann. Schwarz antwortet am besten mit 1...exf6 und beseitigt damit den letzten weißen Bauern.

In der Regel kann Weiß ein Endspiel Turm und Springer gegen Turm nicht gewinnen, doch gibt es Ausnahmen. Diese Position ist eine solche. 2.Te7+ Kd8 3.Ta7! Wieder darf sich der schwarze Turm nicht am Springer vergreifen. Da danach Ta8+ nebst Turmverlust droht, bleibt Schwarz nur3...Ke8. Nun zwingt 4.Sh6! Schwarz zu 4...Kd8 (4...f4 führt nach 5.Sf5 Tg8 6.Ta8+ Kf7 7.Sh6+ oder 5...f3 6.Sg7+ Kd8 7.Se6+ zu Turmverlust). Auf 5.Sf7+ ist Schwarz zu 5...Kd8 gezwungen. 6.Sh8! läutet das Finale ein. Weiß erzwingt Turmgewinn: Nach 6...Tg8 oder6...Txh8 mit 7.Ta8+ und nach 6...Kd8 mit 7.Ta8+ Ke7 8.Sg6+. Gleiches folgt auf 6...f4.

Eine hervorragende Kubbel-Studie mit einem wahren Zauberspringer!

Mit dem Vierzüger in Aufgabe Nr. 80b (W. Kb3, Ld6, Lf5, Sa1, Sh4, Bb7, c5, f2 [8], S: Kd4, Sb4, Se5, Bd5, e2 [5]) hatten wir den Augsburger Märchenschachspezialisten Herbert H. Birkle vorgestellt. Es fällt auf, dass das schwarze Springerpaar an die Kontrolle der Mattfelder c2 und f3 gebunden ist. Diesen Umstand nutzt Weiß mit der Unterverwandlung 1.b8S! Der Zug bringt die beiden schwarzen Springer in eine fatale Lage, müssen sie nun mit dem Feld c6 ein weiteres Mattfeld decken.

Mit dem Schlüsselzug droht Weiß das Springeropfer 2.Sc6+, das die schwarzen Springer von einem der beiden Mattfelder c2 und f3 ablenkt. Schlägt der b-Springer, so 3.Sc2# und schlägt umgekehrt der e-Springer, so 3.Sf3#. Nach dem gleichen Muster laufen die mit dem Schlüsselzug ebenfalls aufgestellten Drohungen 2.Sc2+ und 2.Sf3+ ab.

Die mit dem Schlüssel aufgestellten Drohungen vermag Schwarz mit der Gegenumwandlung 1...e1S! zu parieren, weil dieser Springer die beiden Mattfelder c2 und f3 kontrolliert.

Wäre nun Schwarz am Zug, befände er sich in Zugzwang. Er könnte nur mit einem seiner drei Springer ziehen, der damit die Bewachung eines der drei Mattfelder (c2, c6, f3) aufgeben müsste. Doch Weiß ist am Zug. Mit dem einzig möglichen stillen Wartezug 2.Lh7!! bewirkt Weiß den Zugwechsel. Die Zugzwangnutzung gestaltet sich wie folgt:

a) 2...Sb beliebig 3.Sf3+! S1xf3 4.Sc2# beziehungsweise 3...Sexf3 4.Sc6#,

b) 2...S5 beliebig 3.Sc2+! Sbxc2 4.Sc6# beziehungsweise 3...Sexc2 4.Sf3# und

c) 2...S1 beliebig 3.Sc6+! Sbxc6 4.Sc2# beziehungsweise 3...Sexc6 4.Sf3#.

In allen Varianten opfert Weiß einen Springer auf dem Treffpunktfeld, um einen schwarzen Springer vom Mattfeld abzulenken.

Ein absolutes Meisterwerk mit feinem Springerfestival!
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