Der letzte Kampf fällt aus

Das Amtsgericht von Eschenbach: Ab April 1945 hatte hier die US-Militärregierung ihren Sitz.

Große Töne, nichts dahinter - zum Glück für Eschenbach. Weil sich die SS-Soldaten vor 70 Jahren aus dem Staub machten, als die US-Armee anrückte, blieb die Stadt vor der Zerstörung verschont. Hierüber sind sich die Zeitzeugen einig.

Die Stunde Null schlug gegen 10 Uhr. Am 19. April 1945 zogen amerikanische Truppen in die Rußweiherstadt ein und beendeten für die Bürger die Zeit der Nazi-Diktatur. Zeitzeugen sind heute rar, geblieben sind Niederschriften der Eschenbacher aus jener Zeit. Michael Griesbeck war nach vier Monaten im Lazarett in Dresden am 12. Februar 1945 als Schwerkriegsbeschädigter aus der Wehrmacht entlassen worden. Am 20. Februar musste er zum Volkssturm. Bis ins Detail beschreibt Griesbeck die Ereignisse.

Hans Ott teilte Griesbecks Schicksal. Das SS-Kommando erteilte den erfahrenen Soldaten die Aufsicht über 80 Buben im Alter von 15 und 16 Jahren. An der Speinsharter Straße, etwa auf Höhe der landwirtschaftlichen Anwesen Roth und Kroher, sollten sie Verteidigungsstände für Maschinengewehre und Panzerfäuste anlegen. Zwischen den jetzigen Anwesen Pressler und Reinl bereiteten sie Panzersperren mit Minen vor, an der Speinsharter Straße zudem eine Sperre aus schweren Bäumen.

Buben wollen schießen

Doch aus der Verteidigung des Orts wurde nichts: "In der Nacht zum 19. April verschwand die SS und wir waren wenigstens dieser Gefahr nicht mehr ausgesetzt. Daraufhin haben Hans Ott und ich die Buben aus dem Lager nicht mehr abgeholt. Wir waren sehr froh, da die Buben mit den vorhandenen Waffen in den Kampfständen immer schießen wollten. Es kann 10 Uhr gewesen sein, als nach Haselbrunn, zur Sommerleite und zum Galgen hin drei Warnschüsse fielen. Mittlerweile war die Flur zwischen Höfen und der Stadt voll von Panzern und Fahrzeugen aller Art. Als Hans Ott und ich feststellten, dass keine SS mehr da war, haben wir das Minenfeld gekennzeichnet."

Für die Markierung hätten die beiden ein Stück von Otts weißem Hemd benutzt "damit nicht noch in letzter Minute einer drauffährt". Als die ersten Panzer und Spähwagen anrollten, verließen die beiden die Sperren. "Wir liefen über die damalige Wäschebrücke am Stadtweiher und sahen gegenüber Prösl-Böhm (Anm.: Lebensmittelgeschäft) am Stadtweiher Herrn Pfarrer Maierhofer und H. Bundscherer stehen; da haben wir uns auch mit hingestellt. Es dauerte etwa eine halbe Stunde, dann kam ein Spähwagen angefahren, dahinter folgten Panzer."

Der Spähwagen habe gehalten und ein US-Captain fragte den Pfarrer in bestem Deutsch nach dem Bürgermeister. Weil der verschwunden war, wollte der Captain wissen, wer dann die Stadt übergibt. "Darauf sagte Herr Pfarrer, 'dies ist der Mann' und deutete auf Hans Ott. Dieser musste dann auf den Spähwagen und zum Rathaus mitfahren. Zu mir sagte Herr Pfarrer: 'Michl, geh zum Kirchturm rauf und häng die bereits bereitgelegten Fahnen raus.' Auch im Pfarrhof wurden sie durchs Dachfenster in Richtung Tremmersdorf gehisst, durch Herrn Pfarrer Maierhofer. Wegen der Stadtübergabe sagte mir dann später Hans Ott, dass bei der Litfasssäule Herr Ficker senior und Amtsgerichtsrat Dorner standen, die dann die Stadt übergaben." Die Schilderung Griesbecks deckt sich mit den Inhalten eines Briefs, den ein damals 16-jähriger ostpreußischer Flakhelfer erst im Jahr 1995 an den Pfarrhof schickte. Er gehörte zur RAD-Abteilung 3/401, die im Arbeitsdienstlager eine militärische Ausbildung erhielt.

Weißrusse rettet die Stadt

Länger zurück liegt ein Erlebnisbericht von Hedwig Emmerling. Sie erinnert sich, dass die meisten Eschenbacher den 19. April in den Felsenkellern verbrachten. Da ihre Mutter dazu nicht zu bewegen war, blieb die Familie in ihrem am nördlichen Ortsrand gelegenen Haus. Erst als ganz in der Nähe eine Panzergranate einschlug, suchte man Schutz in einem Splittergraben. Aus Richtung Höfen näherten sich über die Felder die ersten amerikanischen Panzer. Hedwig Emmerling folgte nun einem beim "Ficker-Schuster" arbeitenden Weißrussen, der auf die Panzer zuging und vor den neben der Speinsharter Straße liegenden Minen warnte. Emmerling schrieb, dass diese Warnung an die Amerikaner die Stadt wohl vor dem Beschuss bewahrte.

Volkssturm zum Gegenstoß

Das Kriegsende erlebte Hans Wöhrl im Lazarett. Nach der Heimkehr erzählten ihm seine Eltern, dass auch sie sich in den Felsenkellern in Sicherheit gebracht hatten. Volkssturmmann Hans Spiegl habe damals laut in den Keller gerufen: "Volkssturm, antreten zum Gegenstoß!" Als niemand antrat, sei Spiegl nach Hause gegangen.
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