Der singende Baum

Walt Disney und die Warner Brothers haben im Wald auf der Rieglinger Höhe Hausverbot. Zwischen Hohlwegen und stämmigen Buchen leben die Märchen neu auf, die Franz Xaver von Schönwerth in der Oberpfalz gesammelt hat - ganz ohne Kitsch.

Die Wilde Jagd gibt keine Ruh'. Der Wind fährt durch das klappernde Gestell, das da in etwa fünf Metern Höhe zwischen den Baumkronen schwebt. Wer an dem Seil zieht, das daran herunterhängt, der lässt Krallen ausfahren und setzt Flügel in Bewegung. Auf der Rieglinger Höhe bei Sinzing (Kreis Regensburg) erwachen die Sagen und Erzählungen zum Leben, die Franz Xaver von Schönwerth im 19. Jahrhundert aus allen Teilen der Oberpfalz zusammengetragen hat.

"Es sind authentische Erzählungen aus der Region", erklärt Erika Eichenseer. "Er hat aufgeschrieben, was die kleinen Leute auf den Dörfern draußen vor 150 Jahren ihren Kindern erzählt haben." Eichenseer, die Frau des ehemaligen Bezirksheimatpfleger Adolf Eichenseer, hat den Nachlass des 1810 in Amberg geborenen Volkskundlers ausgewertet und ein besonderes Augenmerk auf die von ihm gesammelten Märchen gelegt. Etliche davon dürften aus der nördlichen Oberpfalz stammen. Denn Schönwerth hatte bei seinen Feldforschungen besonders die Menschen in den Landkreisen Tirschenreuth, Neustadt/WN und Amberg-Sulzbach im Blick. Seine Frau Maria stammte aus Neuenhammer bei Vohenstrauß. Sein Schwiegervater und engster Berater, Michael Rath, war in Freudenberg geboren.

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Acht Märchen haben die Eichenseers für den nur 400 Meter langen Rundgang durch den Wald ausgewählt. Sie heißen: Prinz Roßzwifl, Der Teufel und der Besenbinder, Der Zwergenkönig, Die Wilde Jagd, Das Holzfräulein, Der Höydl, Das dumme Weib und Der singende Baum. Künstler aus der Region haben dafür gesorgt, dass die Erzählungen nicht nur hörbar, sondern sicht- und sogar fühlbar sind. Den singenden Baum zum Beispiel verkörpert eine Edelstahlspirale, an dem 70 Klangstäbe aus Aluminium baumeln. Ein kleiner Windhauch genügt und der Baum fängt zu singen an - so wie im Märchen. "Da machen die Kinder natürlich große Augen", sagt Erika Eichenseer. "Dieser Märchen-Pfad ist aber ausdrücklich nicht nur für Kinder gedacht, sondern auch für Erwachsene." Es sei ein Irrglauben anzunehmen, dass Fantasie nur für Kinder wichtig sei. "Ganz besonders mangelt es oft den Erwachsenen an Vorstellungskraft und Einfühlungsvermögen."

Deswegen unterscheide sich der Pfad deutlich von diversen Märchen-Wäldern andernorts. "Wir haben auf jeglichen Kitsch verzichtet, sondern bieten eine Mischung aus Natur, Kultur und Kunst." Die Eichenseers sehen das Projekt auch als Beitrag zur Rettung "wertvollen regionalspezifischen Volksgutes" und zur Tradition der Erzählkunst.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.schoenwerth.de
Weitere Beiträge zu den Themen: Magazin (11335)12-2014 (6638)
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