Der soziale Aufstieg

Zwei Mal täglich gibt es Tanzvorführungen im Museum, das im Jahr etwa 65 000 Besucher zählt. Bild: Museum Sevilla

Der ein oder andere Spanier hat sicherlich daran zu knabbern. Ausgerechnet ein Wissenschaftler aus Fürth erzählt die Geschichte des Flamencos. Der Franke Kurt Grötsch ist Chef des Flamenco-Museums im Herzen Sevillas.

Unten, auf der Bühne, spielen sich wahre Dramen ab. Es geht um Leben und Tod. Um Trauer, Leid, Liebe, Flucht, um Schmerz, um Armut, um all die Tragiken dieser Welt. Blut spritzt keines, aber dafür jede Menge Schweiß. Die simple Erklärung: "Bei einer guten Show verliert ein Tänzer fünf bis sechs Liter Wasser", sagt Kurt Grötsch, der oben, in einem Seminarraum erklärt, was da eine Etage tiefer - mit jeder Menge Action - abgeht. Grötsch erzählt vom Flamenco, dem emotionalsten aller Tänze, der seit 2010 auch zum Weltkulturerbe zählt. Und er erklärt diesen Tanz im Herzen Andalusiens, dort, wo der Flamenco seine Heimat hat, in Sevilla.

Kurt Grötsch? "Wie Sie hören, komme ich aus Sevilla", sagt er augenzwinkernd - und in breitestem Fränkisch. Er stammt aus Fürth. Und er ist der Geschäftsführer des Flamenco-Museums in der andalusischen Metropole Sevilla.

Begonnen hat aber alles im Herzen der fränkischen Metropole, in Nürnberg. In einer kleinen Kinokneipe. "Ich hab damals biertrinkend mit einer Freundin Carmen angeschaut", erzählt er. Die Dame neben ihm empfahl ihm, doch nicht nur auf die attraktive Darstellerin der Carmen zu achten, sondern auf deren Gegenspielerin. In diese Rolle war Cristina Hoyos geschlüpft, der damalige Superstar der Flamenco-Szene. Die Spanierin ist mittlerweile 66 Jahre alt, lebt in Argentinien. Sie arbeitet aber immer noch mit Grötsch zusammen, wenn es um die Weiterentwicklung des Museums geht.

2006 wurde das Museum im Viertel Santa Cruz eröffnet. 65 000 Besucher kommen im Jahr - aus aller Welt. "Das ist zu wenig", meint Grötsch zwar, dennoch arbeiten er und sein Team fleißig weiter. Irgendwie ist es ja auch Liebhaberei des einstigen Wissenschaftlers, der früher an der Universität Erlangen.Nürnberg am Lehrstuhl für Hispanistik gearbeitet hat. Er stieg aus dem wissenschaftlichen Betrieb aus und verließ auch Deutschland. Zunächst ging er nach Madrid, war einige Zeit Direktor des Sprachzentrums Tandem. Dort lernte er seine spätere Frau kennen, gemeinsam gingen sie nach Sevilla. Als die Idee geboren wurde, ein Flamenco-Museum aufzubauen, waren beide dabei. Grötsch ist von Beginn an Direktor der Einrichtung.

Und in dieser Funktion begrüßt er auch immer wieder Besucher der Vorstellungen. Wie auch an diesem Samstagabend. Besucher aus der halben Welt in der ersten von zwei Vorführungen am Bühnenrand. Es ist eng, es ist heiß, es wird laut. Die genagelten Schuhe donnern auf den Bühnenboden. Die besten Flamenco-Tänzer Spaniens treten hier auf. "Das sind alles Profis", sagt Grötsch. "Sie leben vom Tanzen, Singen, Gitarrespielen."

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300 bis 400 berufsmäßige Flamenco-Tänzer gibt es heute in Spanien. Viele von ihnen machen in Sevilla Station. Flamenco-Tänzer zu sein, hatte schon immer Star-Potenzial, auch schon vor hunderten von Jahren. "Dadurch war der soziale Aufstieg möglich", erklärt Grötsch. Das galt in Spanien auch immer für Toreros. Und in der heutigen Zeit gebe es noch einen Beruf, auf den das zutreffe, meint Grötsch: "Fußballprofi." Genauso geschmeidig und grazil wie Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi auf dem grünen Rasen bewegen sich auch die Flamenco-Stars auf den Bühnen. Der Franke Grötsch ist fasziniert von der Vielfalt des Tanzes. Immer wieder, so sagt er, vermische sich der Flamenco mit anderen Musikstilrichtungen: Pop, Rock, Jazz, Rap und sogar mit Heavy Metal.

Selbst für einen Fachmann wie Grötsch gibt es dabei immer wieder Überraschungen: "Ich habe bisher an die 4000 Flamenco-Shows in meinem Leben gesehen. Und glauben Sie mir, keine ist wie die andere. Der Flamenco ist immer in Bewegung." Das gilt auch für ihn und sein Team. Ständig werden neue Exponate gezeigt, neue Filme in den Räumen im ersten Stock angeboten. Und bei den Vorstellungen stehen nur die Künstler im Mittelpunkt. Auch wenn die Spanier nur zu gerne essen und schlemmen, dies ist bei den Vorstellungen tabu. "Das wäre ungerecht dem Künstler gegenüber."

Die sterben auch nicht aus. Auch wenn man kaum glauben kann, dass dieser Tanz in Spanien kaum gefördert wird, gibt es immer noch genügend Flamenco-Hungrige. "Die Investitionen sind allerdings sehr hoch", erklärt Grötsch, der natürlich alte Kontakte in die Heimat pflegt. Wenn es geht, besucht er seine in Fürth lebende Schwester. Freunde hat er auch in Bamberg oder München. Und aufmerksam verfolgt er auch das fränkische Fußballgeschehen. Die Club-Ergebnisse studiert er wie die der Fürther. Aber nicht so intensiv wie alles, was mit dem Flamenco zu tun hat.

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Noch nie selbst probiert

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Grötsch kann aber, was das Tempo und die Leidenschaft auf der Bühne angeht, nicht aus eigener Erfahrung sprechen. Er hat das Tanzen noch nie probiert: "Ich wäre organisch gar nicht in der Lage", sagt er schmunzelnd. "Das würde zu lange dauern, bis ich die Musik mit meinem Körper umsetzen kann." Er schaut lieber zu - und genießt jede Sekunde.
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