"Der Storg war eine Institution"

Einmal im Jahr treffen sich die ehemaligen Storg-Mitarbeiter zum Stammtisch in Oberleinsiedl. Sie reden über alte Zeiten und fachsimpeln über die Zukunft des leerstehenden Kaufhauses in der Amberger Altstadt. Ein Abend voller herzlicher Erinnerungen und frischer Ideen.

Inge Hiltl kommt gar nicht mehr weg von der Tür. Immer, wenn jemand den Saal betritt, muss sie ihn herzen und drücken. Die 67-Jährige ist so etwas wie die gute Seele der Belegschaft, die "Personal-Mama" der Storg-Familie. Das Kaufhaus lebt weiter - obwohl die Firma Storg im Jahr 2000 Insolvenz angemeldet hatte und das Nachfolge-Unternehmen Forum fünf Jahre später ebenfalls pleite ging.

Einmal im Jahr treffen sich die ehemaligen Storg-Mitarbeiter zum Stammtisch. Weil das Interesse so groß ist, mieten sie dafür immer den Saal des Gasthauses Michl in Oberleinsiedl. Rund 150 Einladungen verschickt Hiltl jedes Mal. Etwa die Hälfte der Ehemaligen kommt dann auch zum Essen, Trinken, Lachen, Fachsimpeln und Ideen spinnen.

Die goldenen 90er

"Das waren noch Zeiten", erinnert sich Aurelia Däbritz (52) an die goldenen Jahre in der Bahnhofstraße. "Damals in den 90ern gleich nach dem Mauerfall." Im Kaufhaus Storg gaben viele Bürger aus der DDR ihr Begrüßungsgeld aus. Die Umsätze schossen in die Höhe. Weihnachten nach der Wende war ein glänzendes Fest - nicht nur für die Kasse. "Wenn immer alles so schön dekoriert war, tausende Lichter leuchteten - das war schon toll", schwärmt Däbritz. "Der Storg war mehr als ein Kaufhaus", betont Gabi Pongratz-Paul (52), die früher in der Haushaltsabteilung arbeitete. Storg sei eine Institution für die ganze Region gewesen, der künstlich aufgestellte Baum im Eingangsbereich Treffpunkt für Jung und Alt. Wenn der Schließdienst am Morgen die Türen aufgesperrt habe, hätten die Putzfrauen der Arztpraxen in der Nachbarschaft schon gewartet. "Die gingen jeden Morgen zum Kaffeetrinken hinauf in das Restaurant. Pünktlich auf die Minute. Das war ein schönes Morgen-Ritual."

In der Bahnhofstraße hat sich in den vergangenen zehn Jahren einiges geändert. Vom einst pulsierenden Kaufhaus steht nur noch eine Hülle aus Mauern und Stahl. Und auch viele der Arztpraxen in der Umgebung sind verschwunden. "Früher gab es in Amberg eine Altstadt. Heute gibt es vier", sagt Däbritz. Sie meint damit nicht die Bausubstanz, sondern die Laden-Dichte. "Da ist die Fuggerstraße dazugekommen, die Marienstraße und die Franzosenäcker", zählt sie auf. Ballungszentren des Einzelhandels, die das Leben von der Altstadt nach draußen verlagert haben. "Und der unattraktivste Standort ist gerade mit Sicherheit die Bahnhofstraße."

"Das ist nun mal so", gibt sich Inge Hiltl nüchtern. "Das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen." Gleichwohl ist sie fest davon überzeugt, dass ein Kaufhaus in der Bahnhofstraße auch heute noch funktionieren würde. "Vielleicht nicht als Vollsortimenter, aber als Laden-Galerie." Mehrere kleine Geschäfte, ein Drogeriemarkt, ausreichend Parkplätze, ein auf Senioren ausgerichtetes Angebot - damit könnte es funktionieren, ist die Einzelhandels-Spezialistin überzeugt.

Natürlich müsse auch das Umfeld passen. "Arztpraxen und Rechtsanwaltskanzleien bringen Laufkundschaft. Wenn die erst mal weg sind, wird es schwierig." Rund 100 Kollegen waren von der Insolvenz des Kaufhauses Forum im Januar 2005 betroffen. "Die allermeisten davon sind über die Runden gekommen", erzählt Inge Hiltl. Einige seien in den vorzeitigen Ruhestand gegangen, der Großteil habe wieder eine Arbeit gefunden.

Auch der Chef ist da

So wie der Mann, der das Kaufhaus Storg nach der ersten Pleite unter dem Namen Forum weiterführte. Hans-Joachim Treutler war der Held der Storg-Belegschaft, als er den Neubeginn wagte. Dass auch er das Haus nur noch fünf Jahre halten konnte, verübeln ihm die ehemaligen Mitarbeiter nicht. "Er hat es versucht. Die Umsatzeinbrüche waren halt zu hoch", sagt Hiltl. Treutler ist auch so einer, den die 67-Jährige gerne umarmt und herzt. Beim Familientreffen in Oberleinsiedl sitzt er mitten unter den Lageristen, Dekorateuren und Verkäuferinnen von einst. (Angemerkt/Hintergrund)
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