Der Überlebens-Lauf

 
Ich interessiere mich überhaupt nicht für Sport. Dunja Speckner, Getachews Managerin.

Getachew Endisu ist Asylbewerber, aber er ist auch Spitzensportler, der seit einigen Monaten die nordbayerische Laufszene aufmischt. Nebenbei gibt der Äthiopier dem Thema Asyl ein anderes Gesicht, weil seine Geschichte so gar nicht ins Bild passt.

Nein, zur Schule musste er nur ein paar hundert Meter gehen. Getachew Endisu muss lachen, weil er die Frage nach seinem Schulweg in Deutschland schon oft gehört hat. Der 22-Jährige hat es zum Laufprofi gebracht - auch ohne tägliches Zwangstraining auf dem Weg zum Unterricht. Es ist nicht das einzige deutsche Klischee, dem der Asylbewerber aus Äthiopien nicht entspricht.

Ein weiteres betrifft die Unterkunft in Michelfeld (Kreis Amberg-Sulzbach). 17 Menschen leben in dem Haus auf drei Etagen. Getachew teilt sich im Erdgeschoss eine kleine Wohnung mit drei anderen Äthiopiern. Der quadratische Wohnbereich bietet gerade Platz für eine etwas fransige Couchecke aus den 1990ern, Stuhl, Couchtisch und ein kleines Fernsehgerät.

In der offenen Küche nebenan setzt Mitbewohner Abdi Achmed Teewasser auf. Die Situation verströmt gar keine Heim-Atmosphäre, sie erinnert eher an eine Studenten-WG, nur ordentlicher und sauberer.

"Getachew ist beim Duschen", sagt Dunja Speckner. Die Michelfelderin ist erste Ansprechpartnerin der Asylbewerber im Ort. Eine tschetschenische Familie mit krankem Kind habe sie im vergangenen Winter auf der Straße um Hilfe gebeten. Seitdem helfe sie, erklärt die 39-Jährige. Inzwischen geht sie in dem Haus ein und aus, kümmert sich um Schreibarbeit und Behördengänge. Und seit Getchaew hier wohnt, ist sie auch Laufmanagerin. "Ich interessiere mich überhaupt nicht für Sport", sagt Dunja Speckner. Dennoch telefoniert sie nun viel mit Vereinen und Veranstaltern, erledigt Anmeldungen, dolmetscht bei Siegerinterviews. Am Vortag waren beide im oberfränkischen Bad Rodach. Getachew gewann dort den Halbmarathon und verbesserte den Streckenrekord um sechs Minuten.

Trotzdem war er an diesem Morgen schon wieder laufen. Dies sei er gewohnt, er könne gar nicht anders, erklärt er nach dem Duschen. Vor seiner Flucht lebte er in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba als Profi. Sein Manager kümmerte sich um alles, Getachew musste nur laufen, im Training und bei Wettkämpfen in Afrika und Europa. Mit einer Marathonbestzeit von 2:17 Stunden (Casablanca, 2013) zählte er zwar nur zu Äthiopiens Mittelfeld. Aber Langstreckler erleben ihren Höhepunkt erst mit 30 Jahren und Getachew ist ohnehin ein Spätstarter.

Nicht die einzige Chance

"Ich bin immer gelaufen, aber nur im Spiel und zum Spaß." Aufgewachsen ist er mit zwei Schwestern und drei Brüdern etwa 130 Kilometer südwestlich von Addis Abeba. In Waliso ging er bis zur zwölften Klasse zur Schule. Zuletzt besuchte er in der 30 000-Einwohner-Stadt ein College mit Schwerpunkt Elektrotechnik. Zu laufen sei für ihn also nicht die einzige Chance auf ein vernünftiges Leben gewesen. Als er aber mit 16 Jahren ernsthaft zu trainieren begann und Talentspäher ihn entdeckten, war klar, dass er ihr Angebot annehmen würde. Läufer sind in Äthiopien höher angesehen als in Deutschland Fußballer.

Die Entscheidung habe er nie bereut. "Ich liebe es, zu laufen, es ist das, was ich am besten kann." Deshalb wollte er seine Heimat niemals verlassen, hätte es da nicht "diese Probleme" gegeben, wie er es nennt. Denn wenn es um die Gründe seiner Flucht geht, verschwindet sein Lächeln, sinkt der Blick zu Boden. Er will nicht davon sprechen, erst als Speckner ihn ermutigt, berichtet Getachew vom Ärger seiner Familie: Mehrere Verwandte seien im Gefängnis, andere spurlos verschwunden.

Getachew zählt zum Volk der Oromo. In dem Vielvölkerstaat stellt es die größte Gruppe, die Machthaber kommen aber seit Jahrzehnten aus dem Volk der Tigray. Um ihre Position zu halten, sind den Mächtigen zunehmend alle Mittel recht. Weil Familienangehörige sich in einer Oromo-Oppositionsgruppe engagierten, begann auch Getachew den Druck zu spüren. Als dieser ständig zunahm, entschied er sich zur Flucht.

Dabei kam ihm seine privilegierte Stellung zugute: "Ich bekam eine Ausreiseerlaubnis für einen Marathon in Europa." So kam er legal und bequem per Flugzeug nach Nürnberg. Polizeibeamte hätten ihn zur Aufnahmestelle nach Zirndorf geschickt.

Von so einer Komfort-Flucht konnten die Mitbewohner nur träumen. Auch sie sind Oromo, aber keine Läufer. Ohne Visum und Geld verließen sie ihre Heimat illegal auf dem Landweg, berichtet Abdi Achmed. Der 27-Jährige hat bislang nur zugehört. Jetzt erzählt er von seiner Flucht über den Sudan und Libyen. Als ihn Schleuser in Tripolis in ein Flüchtlingsboot setzten, war er beinahe zwei Jahre unterwegs.

Immer wieder musste er Arbeit annehmen, um Geld zu verdienen für die nächste Etappe. Die schlimmste kam zum Schluss: 27 Stunden mit 87 Menschen in einem kleinen offenen Holzboot übers Mittelmeer. "Niemand konnte schwimmen, Kinder weinten, Frauen schluchzten und die Männer schrien vor Angst und Verzweiflung."

Dass er auf Lampedusa Europa erreichte, erweist sich nun als weiterer Nachteil. Weil er dort Asyl beantragen muss, wo er die EU erreicht hat, wartet Abdi auf die Abschiebung nach Italien. Im November muss er gehen. "Dort darf er vermutlich bleiben, aber Deutschland wäre ihm lieber", sagt Speckner. Hier gibt es bessere Arbeitsmöglichkeiten, als im krisengeschüttelten Italien. Außerdem gefalle es den Afrikanern in Bayerns Norden sehr gut.

Angst vor Rassismus

Getachew stimmt zu: "Ich habe nur gute Erfahrungen gemacht." Von seinem ersten Kontakt mit deutschen Polizisten an hätten ihn alle freundlich behandelt. Auch Dunja Speckner hat noch nie von Vorurteilen oder rassistischen Zwischenfällen gehört. Im Dorf tragen auch Getachews Lauf-Erfolge zur Akzeptanz bei. Dabei hatte er durchaus Ängste, als er nach Deutschland kam. Getachew wirkt etwas verlegen. Dunja Speckner erklärt, dass die Afrikaner tatsächlich Angst vor Rassismus hatten, als sie nach Deutschland kamen. Äthiopische Zeitungen berichten oft und ausführlich von ausländerfeindlichen Übergriffen - vor allem in Deutschland.
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