Der verheimlichte erste Kaugummi

US-Weltkriegsveteran Marion Kirkham (Mitte) wird bei einer früheren Befreiungsfeier begeistert begrüßt. Archivbild: dpa
 
Ein Konvoi mit historischen Fahrzeugen der US-Armee fährt durch Pilsen: Am 6. Mai 1945 rollten die 16. US-Panzerdivision unter Colonel Noble und die 2. Infanterie-Division auf Pilsen zu - 20 000 US-Soldaten wurden auf dem Platz der Republik begeistert von der Bevölkerung gefeiert. Die Amerikaner marschierten weiter auf Prag zu. Jedoch mussten sie die Befreiung der Stadt der Roten Armee überlassen und sich hinter die vereinbarte Demarkationslinie zurückziehen. Bilder: Herda/dpa

Pilsen feiert begeistert seine Befreiung vor 70 Jahren - US-Soldaten machten der NS-Besatzung ein Ende. Kulturbürgermeister Martin Baxa über die rauschende Fete im Kulturhauptstadtjahr.

Herr Baxa, Sie nennen den Liberation Day, den Tag der Befreiung, ein Programm-Highlight - nicht nur weil der Verein Viktoria Pilsen am 1. Mai um 19.30 Uhr den Auftritt der US-Band Lynyrd Skynyrd spendiert. Was macht dieses Fest aus?

Baxa: Es ist mehr eine Befreiungswoche als ein Befreiungstag - vom 1. bis zum 6. Mai. Für viele ist es ein Fest fürs Leben und die Freiheit. Als ich ein Kind war, hat mir mein Vater erzählt, ein US-Soldat habe ihm seinen ersten Kaugummi geschenkt. Da war er sieben - das durfte niemand wissen, denn die Befreiung Pilsens durch die Amerikaner wurde verleugnet. Insofern hat dieser Tag für uns eine doppelte Bedeutung - erst die Befreiung von den NS-Besatzern, dann vom kommunistischen Regime.

Heuer haben Sie doppelt Grund, das Fest rauschend zu feiern - den 70. Jahrestag der Befreiung und das Kulturhauptstadtjahr?

Baxa: Ganz genau, deshalb verdoppelten wir das Budget für diese Veranstaltung auf sieben Millionen Kronen - rund 255 000 Euro. Der renommierte Regisseur Václav Marhoul und die Szeneografen Simon und Michal Caban inszenieren dieses große Volksfest mit innovativen Ideen. Und heuer werden sich noch mehr tschechische Militärvereine mit ihren US-Oldtimern, beteiligen.

Wie kamen denn Hobbysammler an einen US-Panzer oder -Jeep?

Baxa: Die hatten sie zum Teil in Scheunen versteckt.

Wie groß wird die Parade - könnte Präsident Putin da nervös werden?

Baxa: (lacht) No jo, da fahren schon Hunderte Jeeps und zig Panzer.

Warum gelingt es in Tschechien, einen solchen Tag der Befreiung zu begehen, in Deutschland aber nicht? Sicher, die Tschechoslowakei wurde von einem fremden Terrorregime befreit. Aber verbirgt sich dahinter vielleicht auch ein Protest gegen die erzwungenen Feiern der Roten Armee?

Baxa: Beides spielt eine Rolle. Die Amerikaner hätten auch Prag befreien können, hielten sich aber an die mit den Russen vereinbarten Demarkationslinien. Deshalb gibt es solche Feiern nur in Westböhmen. In der CSSR durfte nur die Rote Armee gefeiert werden - wobei auch 140 000 russische Soldaten bei der Befreiung des Landes ihr Leben ließen. Was Pflicht ist, ist nicht populär, vor allem nach der Niederschlagung des Prager Frühlings.

Bei allem Verständnis für die Dankbarkeit für die Befreier - warum ausgerechnet ein Museum für General George S. Patton, den Bewunderer der SS und Antisemiten?

Baxa: Für die Pilsener und Westböhmen war er als Oberhaupt der 3. Armee einfach nur das Symbol der Befreiung. Das Museum heißt zwar "Patton Memorial", aber seine Biografie steht nicht im Mittelpunkt - eigentlich ist es ein Museum der Befreiung Pilsens und Westböhmens.

Unten im Rathaus haben Sie auch eine kleine Fotoausstellung ...

Baxa: Das sind US- und belgische Veteranen - dieses Jahr kommen noch 14 Amerikaner und 5 Belgier, die an der Befreiung beteiligt waren und zwischen 90 und 100 Jahre alt sind.

Als kürzlich US-Streitkräfte durch die Staaten Mittelosteuropas fuhren, gab es überall mehr Proteste als in Tschechien - wirkt hier noch die Dankbarkeit für die Unterstützung nach, die Masaryk & Co. bei der Gründung der Ersten Republik erfuhren?

Baxa: Ich denke, die tschechischen Putin-Fans waren etwas enttäuscht. Aber ich glaube nicht, dass die Mehrheit unserer Landsleute so tief einsteigt. Hier freut man sich einfach nur über die Rolle der Amerikaner bei der Befreiung der Stadt.

Wie ist das öffentliche Bild Amerikas - vor allem auch bei der jungen Generation - heute? Die USA haben nach der unbestritten verdienstvollen Befreiung Europas eine Reihe blutiger Kriege aus Eigeninteresse und ökonomischem Kalkül geführt?

Baxa: Ich habe den Eindruck, dass die meisten Tschechen dazu keine exponierte Meinung haben. Wir hatten damals eine etwas andere Haltung zum Irak-Krieg als ihr Deutschen und entsandten Soldaten.

Als Bush jr. und sein Verteidigungsminister Rumsfeld den Kontinent in das neue und das alte Europa teilten ...

Baxa: (lacht) ... was auch schon wieder Geschichte ist. Aber unstrittig ist, der 6. Mai 1945 ist ein Grund zum Feiern.
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