Der Wunsch nach einer besseren Welt

Bedrich Fritta zeichnete seinem Sohn in Theresienstadt ein Buch. Jetzt wurde dieses anrührende Zeitzeugnis wiederveröffentlicht. Repro: Wolke

Für Bedrich Fritta blieb die Hoffnung auf Normalität nur ein Traum. Der tschechisch-jüdische Karikaturist wurde nach Auschwitz deponiert. Erhalten hat sich aber sein Buch für Sohn Tommy zum dritten Geburtstag.

Regensburg.Das schönste Bild ist zugleich das traurigste: Blumen, Schmetterlinge, eine Sonne, die vom Himmel lacht - und ein Kind, das ausgelassen zwischen alledem herum tobt. "Das ist kein Märchen - das ist die Wahrheit!" Bedrich Fritta sah sich gezwungen, dies unter die Zeichnung zu schreiben. Denn: Was eigentlich selbstverständlich sein sollte, war für ihn und seinen Sohn nur ein ferner Traum. "Für Tommy zum dritten Geburtstag": Die Sammlung kindlicher Zeichnungen und Texte entstand in Theresienstadt. Bedrich Fritta fertigte die Blätter heimlich an. Sein Wunsch war es, Sohn Tommy eine schöne, bessere Welt zu zeigen. Geschaffen hat Fritta ein einmaliges und anrührendes Zeitzeugnis. Der Holocaust und die Leiden seiner Opfer kommt mit dem vergeblichen Hoffen des Vaters - Fritta starb 1944 in Auschwitz-Birkenau - besonders bitter zum Ausdruck.

Von Freunden adoptiert

Wenigstens Tommy hat überlebt. Der Junge wurde nach Kriegsende von einem Freund der Familie adoptiert. Leo Haas nahm sich seiner an. Er war es auch, der das Kinderbuch des Vaters bergen konnte. Das im Verborgenen hergestellte und in einen Kartoffelsack gebundene Original ist nun als besonderes Stück Zeitgeschichte auch der Öffentlichkeit zugänglich: Der Verlag Friedrich Pustet hat es als Buch herausgegeben.

"Für Tommy zum dritten Geburtstag in Theresienstadt", so der Titel des Bandes, vereint die Zeichnungen Bedrich Frittas für seinen Sohn. Die kurzen tschechischen Texte sind ins Deutsche übersetzt.

Nichts ist in den bunten Bildern zu bemerken vom Grauen des Holocaust - im Gegensatz zum restlichen Werk Frittas, das düster und anklagend ist. Stattdessen: Tommy beim Spaziergang im Schnee, Tommy auf Reisen, Tommy mit Mami und Papa. Tommy malt und badet, trotzt und "will auch!". Ein ganz normales Kind. Der vergebliche Wunsch eines Vaters nach Normalität.

Für Tommy Fritta-Haas, der im März dieses Jahres im Alter von 74 Jahren verstarb, war das Buch das einzige, was ihm von seinem Vater geblieben war. "Dort spüre ich seine Tränen, seine Hoffnung, seine Angst", sagte Tommy über "sein Kinderbuch".

Dass der Band erhalten geblieben ist, gleicht einem Wunder. Seine Entstehung vollzog sich unter erheblichen Risiken. Bedrich Fritta, ehemals tschechisch-jüdischer Grafiker und Karikaturist in Prag, wurde von den Nazis ins Ghetto Theresienstadt inhaftiert.

Zeichnungen versteckt

Als Leiter eines Zeichensaales musste er Propagandamaterial erstellen, das die Öffentlichkeit über die Realität im Lager hinwegtäuschen sollte. Allerdings gelang es einem Kreis von Zeichnern um Fritta, heimlich Werke über die tatsächlichen Zustände anzufertigen und hinauszuschmuggeln.

Für Fritta führte dies schließlich zur Deportation nach Auschwitz-Birkenau, wo er 1944 an Entkräftung starb. Einige seiner Zeichnungen allerdings konnte er verstecken. Darunter auch das Buch, das er seinem Sohn zum dritten Geburtstag gemalt hatte.

"Das Buch führt Kindern wie Erwachsenen vor Augen, was Theresienstadt für die Opfer bedeutete", heißt es vonseiten Friedrich Pustets. Der Verlag hat das Buch zusammen mit dem Europaeum der Universität Regensburg herausgegeben. Ein Nachwort von Walter Koschmal vom Lehrstuhl für Slavistik vermittelt Informationen über Bedrich Fritta und sein Buch. Diese sind nur spärlich vorhanden. Eines jedoch steht für Koschmal fest: "Dies ist ein ,Buch des Lebens'." Trotz allem.

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"Für Tommy zum dritten Geburtstag in Theresienstadt" mit Bildern von Bedrich Fritta ist im Verlag Friedrich Pustet erschienen (ISBN 978-3-7917-2685-4) und kostet 24,95 Euro. Der Band umfasst 128 Seiten und ist farblich bebildert.
Weitere Beiträge zu den Themen: Magazin (11335)Juni 2015 (7772)
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