Deutsche Meisterschaft
Seniorenschach

Schach ist ein Kulturgut. Seinen Ursprung fand es vor rund 2000 Jahren in Indien und gelangte durch Moslems über Persien nach Europa. Hier wurden im 15. Jahrhundert die Schachregeln reformiert, und seither wird in aller Welt nach diesen gespielt. Gemessen an der Zahl der in Schachvereinen organisierten Schachspieler und der über das Spiel veröffentlichten Literatur ist es weltweit das bedeutendste Brettspiel. Und außerdem: Wie in kaum einer anderen Sportart kämpft Alt gegen Jung mit gleichen Chancen.

Auch in Deutschland ist das Spiel sehr populär. Einer Umfrage zufolge spielen knapp ein Drittel der Männer und eine von acht Frauen zumindest gelegentlich Schach. Rund 60 Prozent gehören dem Seniorenalter an. Sie nutzen das Spiel, um geistige Fitness, Konzentrationsfähigkeit und Denkvermögen bis ins hohe Alter zu erhalten. Aus dem Heer der älteren Schachspieler ragen hierzulande die rund 60 000 in Vereinen organisierten Spieler heraus, die Schach ernsthafter betreiben. 260 dieser Schachspieler fanden sich unlängst in Magdeburg zusammen, um ihre Seniorenmeister Ü 60 und Nestorenmeister Ü 75 zu küren.

Nach neun Tagen voller Konzentration und hoher geistiger Belastung stand mit FM Boris Gruzmann aus Lübeck (Jg. 1934, 7,5 aus 9) der neue deutsche Seniorenmeister fest, der zugleich Nestorenmeister wurde. Aus bayerischer Sicht erfreulich: der dritte Platz von FM Berthold Bartsch aus Forchheim, dem Mannschaftskollegen des Ambergers Florian Ott beim Zweitbundesligisten SC Forchheim.

Unsere Partie wurde in der letzten Runde zwischen dem Neu-Münchener Rainer Selig und Vorjahressieger IM Yuri Boidmann gespielt. Das Mattfinale mag den Sieger vielleicht darüber hinwegtrösten, dass es diesmal mit 6 aus 9 "nur" zu Platz 14 gereicht hat.

Weiß: Rainer Selig

Schwarz: Yuri Boidmann

1.d4 d5 2.c4 c6 3.cxd5 cxd5 4.Sc3 Sf6 5.Lf4 Sc6 6.Sf3 Lf5 7.e3 e6 8.Ld3 Lxd3 9.Dxd3 Le7 10.h3 0-0 11.0-0 a6 12.Tfc1 h6 13.Dd1 Sd7 14.Tc2 Sb6 15.Se5 Sxe5 16.Lxe5 Sc4 17.Lg3 b5 18.Sb1 Da5 19.b3 Sd6 20.Sd2 Tac8 21.Tac1 Txc2 22.Txc2 Tc8 23.Txc8+ Sxc8 24.Dc2 Sd6 25.Sf3 Se4 26.Dc8+ Lf8 27.Se5 De1+!? 28.Kh2 Sd2 29.h4 Sf1+ 30.Kh3 Db1 31.Lf4 h5 32.f3? Df5+ 33.g4 hxg4+ 34.fxg4 De4 35.g5 Dh1+ 36.Kg4 Dg2+ 37.Kh5 De2+ 38.Sg4 g6# 0-1

Tagesnotizen: Die Stellung zu Taktikaufgabe Nr. 104a kam bei der diesjährigen russischen Teammeisterschaft im Kampf zweier Hochkaräter, dem Europameister 2014 Alexander Motylev und dem von 2015, Evgeniy Najer, aufs Brett. Gerade hatte Weiß mit 0.Se5-d7+ Sf6xd7 1.Dxd7 freiwillig seinen starken Zentralspringer abgetauscht und sah sich wegen des Doppelangriffs auf die Bauern d4 und g7 im Vorteil. Doch Schwarz am Zug wies nach, dass sich Weiß hierbei gründlich verkalkuliert hat. Sehen Sie den überzeugenden schwarzen Gewinnweg?

Nach längerer Pause kommt mit Aufgabe Nr. 104b wieder einmal der schwäbische Problemkomponist Dr. Thomas Woschnik mit einem Dreizüger zu Wort. Das Besondere an dieser "Rex-Solus-Miniatur": Der Autor hat zwei beabsichtigte Lösungen eingebaut. Erkennen Sie diese und sehen, wie beide ideal zueinander passen?

Lösungen: Die Partie zu Taktik-aufgabe Nr. 103a (Moroni-Hei-mann), W: Kg1, Da3, Tc1, Tf1, Lf3, Sa4, Bb5, d3, e2, f2, g3, h2 [12], S: Kg8, Dd8, Tc2, Tf8, Ld4, Lh3, Ba7, b6, e7, f7, g6, h7 [12]) wurde beim diesjährigen Mitropa-Cup gespielt. Der italienische FM Luca Moroni hatte gegen den deutschen IM Andreas Heimann nicht seinen gerade mit 0...Lh3 angegriffenen Turm f1 in Sicherheit gebracht, sondern mit 1.Tbc1 den schwarzen Turm c2 befragt. Nach Turmtausch 1...Txc1 2.Txc1 hätte sich das Problem des angegriffenen Turms f1 erledigt. Doch Weiß tauscht nicht und kommt stattdessen mit 1...Txe2! in Vorteil. Auf 2.Lxe2 sieht sich Weiß nach 2...Dd5! (nicht 2.Da8 Tc6!) dem undeckbaren Matt Dg2# gegenüber. Da der f-Bauer gefesselt ist, kann Weiß das Matt nur noch verzögern: 3.Lf3 Dxf3 4.beliebig Dg2#.

Zu erwähnen ist noch, dass weiße Alternativen im ersten Zug auch verloren hätten: 1.Tfc1 hätte das Opfer auf e2 verhindert (1...Txe2? 2.Lxe2 Dd5 3.Lf1! und das Mattfeld g2 ist gedeckt), jedoch ein anderes gestattet: 1...Lxf2+! 2.Kxf2 (2.Kh1 Txe2 3.Lxe2 Dd5+) 2...Dd4+ 3.Ke1 Dg1#.

Nach 1.Db3 wiederum führt wieder 1...Txe2 zu weißem Vorteil, da der Turm tabu ist: 2.Lxe2 Da8 und das Matt auf g2 ist unabwendbar. In der Partie griff Schwarz zum sicheren 1...Dc7 und gewann sie nach 2.Tfe1 Tc8 3.Lc6 Txc1 4.Dxc1 a6 5.Dc4 axb5 6.Lxb5 Db7 ebenfalls.

Mit einem Matt in acht Zügen als Aufgabe Nr. 103b (W: Kb1, Lc1, Le2, Bb3, c2, c4, f4 [7], S: Kc3, Bb4, c5, f5 [4]) hatten wir den Lesern den renommierten Ulmer Problemschachkomponisten Wilfried Neef vorgestellt. Die Aufgabe zeigt, dass er nicht nur ein guter Partiespieler und Spitzenlöser von Schachproblemen ist. Im Allgemeinen lassen sich Mehrzüger wie dieses Matt in acht verhältnismäßig leicht lösen. Doch liegt die Schwierigkeit bei dieser Aufgabe darin, dass sie bei probeweisem schwarzen Anzug ein schönes Satzmatt zeigt: 1...Kd4 2.Ld2 Ke4 3.Kc1 Kd4 4.Kd1 Ke4 5.Lc1 Kd4 6.Ld3 Kc3 7.Ke2 Kd4 und 8.Lb2#, nachdem der weiße König die Überwachung der dunklen Felder übernommen hat.

Für die Lösung muss man dieses Satzspiel außer Acht lassen. Es ist die Frage zu beantworten, wie Weiß die Fluchtfelder c3, d4 und e4 kontrollieren will. Mit folgender Zugzwangfolge erreicht Weiß dieses Ziel: 1.Lh5!. Der Läufer wird zunächst auf einem Feld geparkt, auf dem er die Annäherung des weißen Königs nicht behindert. 1...Kd4 2.Ld2, womit Weiß die Kontrolle über Feld c3 übernimmt, 2...Ke4 3.Kc1 Kd4 4.Kd1 Ke4 5.Ke2 Kd4. 6.c3+! läutet die entscheidende Phase ein.

6...bxc3 ist erzwungen, wobei dieser Bauer das Fluchtfeld c3 blockiert. Der Rest ist einfach: 7.Le3+ Ke4 8.Lf3#. Aus der Schlussstellung wird die Idee des Schlüsselzuges deutlich: Der Läufer durfte Fluchtfeld e4 nicht zu früh rauben (zum Beispiel nach 1.Lf3?) und die Annäherung des weißen Königs nicht behindern (z.B. nach 1.Ld1?).

Sehr schön gebaut vom Ulmer Problemschachkomponisten!
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