Dialektpflege statt Verbote
Hallöchen, Griassde und Guten Tag

"Tschüss" verdrängt die althergebrachten Grußformeln. Wer sich aber "Hawadere" verabschiedet ist genauso wenig ein Hinterweltler wie ein "Tschüss-Sager" ein Mann von Welt. Bild: Tietz
Schwandorf. (slu) Wie im ersten Beitrag (Ausgabe vom 7./8. November), zu lesen war, scheiden sich in kaum einem anderen Wortschatzbereich des Dialekts die Geister hinsichtlich des angemessenen Sprachgebrauchs stärker als bei den Grußformeln. Während es Puristen kategorisch ablehnen, dass ein Bayer "Tschüss" in den Mund nimmt, hat die Mehrheit der Einwohner des Freistaats überhaupt keine Probleme damit, diesen von Haus aus norddeutschen Abschiedsgruß ganz unbefangen zu verwenden.

Nun mag man trefflich darüber streiten, welchen Sinn es im 21. Jahrhundert grundsätzlich macht, Menschen eine bestimmte "Grußkultur" aufoktroyieren zu wollen. Fakt bleibt jedoch: Hinter diesen "Vorschriften" steckt das an sich sehr ehrbare Bemühen, die mundartlichen Varianten am Leben zu erhalten. Letztlich erweist sich aber ein apodiktisches Vorgehen in Bezug auf die Umsetzung wohl eher als kontraproduktiver Kampf gegen Windmühlen denn als zielführend und dient bei der Mehrzahl der Bevölkerung vielmehr der Erheiterung, zumal es der vielfach strapazierten Liberalitas Bavariae Hohn spricht.

In diesem Zusammenhang lohnt es sich, einen Blick auf den Anlass zu werfen, zu dem eine Grußformel eingesetzt wird, beziehungsweise auf den Ton, der dabei mitschwingt. Während "Hallo" und "Tschüss", genauso wie ihre dialektalen Entsprechungen "Griassgod/Grejssgod" und "Pfiagod/Pfejgod", relativ wertneutral, das heißt unabhängig vom Alter und der Stellung des Gesprächspartners, Verwendung finden, kommt bei "Hallöchen", "Tschüssi", "Ciao" und "Tschö" sowie bei "Servus", "Hawadere", "Griassde/Grejssde" und "Pfiate/Pfejte" eine größere emotionale Nähe zum Ausdruck.

Das Gleiche gilt für "Griassdegod/Grejssdegod" und "Pfiategod/Pfejtegod" sowie das standardsprachliche "Grüß dich". Verglichen damit wirken die Floskeln "Guten Tag", "Grüß Sie", "Grüß Gott" und "Auf Wiedersehn" weitaus formeller. Insgesamt gesehen, lässt sich somit in allen Varietäten des Deutschen diesbezüglich eine graduelle Abstufung feststellen.

Aus dem Gesagten ergibt sich wohl auch der Grund für den Gebrauch von "Hallo" und "Tschüss", die sich nicht zuletzt durch die modernen Medien inzwischen immer mehr verbreiten und sich vor allem bei den jungen Menschen zunehmender Beliebtheit erfreuen. Durch sie möchte man sowohl eine deutliche Distanz als auch eine ausgeprägte Vertrautheit vermeiden. Unter diesem Aspekt sind "Hallo" und "Tschüss" universell einsetzbar, entspringen jedoch vermutlich auch einer gewissen Unbefangenheit. Keineswegs sind sie jedoch Ausdruck einer wie immer gearteten Respektlosigkeit, wie manche meinen. Zugegebenermaßen kann aber dieser Eindruck bei jemandem, für den solche Grußformen ungewohnt sind, entstehen. Und selbstverständlich sind sie in bestimmten Situationen völlig unangebracht.

Inwieweit sich die dialektalen Varianten gegen diese "Globalisierungstendenzen" behaupten können, ist keine Frage der Regulierung, sondern der Bewusstmachung. Diese sollte vorrangig im Elternhaus erfolgen und in der Schule durch entsprechende Projekte einer zeitgemäßen Dialektpflege fortgesetzt werden. Verbote helfen hier überhaupt nichts, eher schon Vorbilder und das Gespür für ein überliefertes Kulturgut, das es so lange wie möglich zu erhalten gilt. In diesem Zusammenhang sei auf das "Wertebündnis Bayern" verwiesen, in dessen Rahmen das Projekt "MundART WERTvoll" angesiedelt ist. Im Projektjahr 2015/16 sind - aus dem Einzugsgebiet des "Neuen Tag" - sowohl das Ortenburg-Gymnasium Oberviechtach als auch die Staatliche Realschule Neunburg vorm Wald daran beteiligt.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/dialekt
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