Die Bagger rollen nicht mehr an

"Wie hat sich der Widerstand verändert?" Darüber diskutierten der Europaabgeordnete Dr. Klaus Buchner, Altlandrat Hans Schuierer, Zwickl-Initiatorin Anne Schleicher, Stipendiatin Janine Gaumer, Filmregisseur Helge Cramer und der evangelische Pfarrer Arne Langbein (von links) . Bild: rid

WAA und TTIP sind zum Inbegriff des Widerstandes geworden. Doch die Formen des Protestes haben sich geändert. "Bei TTIP rollen keine Bagger an, gegen die die Leute demonstrieren könnten", sagt Janine Gaumer (28).

Schwandorf. (rid) Die Stipendiatin der Friedrich-Ebert-Stiftung promoviert derzeit zum Thema "Der Konflikt um die atomare Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf". "Wie hat sich der Widerstand verändert" war das Thema eines Expertengesprächs am Samstag im alten Metropolkino. Moderiert von Anne Schleicher, der Initiatorin der Zwickl-Dokumentarfilmtage. Janine Gaumer (Jena) arbeitet derzeit in ihrer "Doktorarbeit" die Gründe für das "hohe Konfliktpotenzial rund um die WAA" heraus: Untergehende Stahlindustrie in der Oberpfalz, hohe Arbeitslosigkeit, ein SPD-Landrat, ein Landkreis in der Provinz.

Für beide Seiten sei die Region ein ideales Terrain zur Umsetzung ihrer Ziele gewesen, so Janine Gaumer. Die bayerische Staatsregierung habe versucht, den Oberpfälzern die WAA aufs Auge zu drücken nach dem Motto: "Mit denen können wir das machen". Die Gegner der atomaren Anlage nutzten die Auseinandersetzung, um "linkes Gedankengut von den Großstädten in die Provinz zu tragen". Gleichzeitig kündigten "viele CSU-Getreuen und der Großteil der Bevölkerung der Staatsregierung die Gefolgschaft auf", so Janine Gaumer.

Heute per Mausklick

Altlandrat Hans Schuierer war anfangs ein Befürworter des Projekts: "Weil man uns 3200 Arbeitsplätze versprochen hat". Erst als er die Pläne mit einem 200 Meter hohen Kamin sah, "der die Schadstoffe gleichmäßig verteilen sollte", habe sich bei ihm Widerstand geregt, der schließlich zur "Lex Schuierer" führte. Den evangelischen Pfarrer Arne Langbein, Jahrgang 1969, hat die Auseinandersetzung um die WAA sogar zum Studium der Theologie bewogen. Heute erlebt er völlig neue Formen des Protestes: den "Widerstand per Mausklick". Informationen ließen sich im Sekundentakt verbreiten. Jüngstes Beispiel: Der Aufmarsch der Neonazis kürzlich in Schwandorf. Im Nu habe sich eine Gegendemo gebildet. Dank der sozialen Netzwerke.

Noch nicht angekommen

Eine "Großdemonstration" kündigte der Kernphysiker und ÖDP-Europaabgeordnete Dr. Klaus Buchner am 10. Oktober in Berlin an. Er erwartet über 100 000 Teilnehmer, "die gegen das Freihandelsabkommen zwischen Europa und den USA protestieren werden". Bei TTIP gehe es seiner Meinung nach nicht um Wirtschaftswachstum und Arbeitsplatzsicherung, "sondern um die Abschaffung der Zölle". Widerstand leiste nur, "wer sich betroffen fühlt". Da sei TTIP noch nicht genug angekommen in der Bevölkerung, muss Klaus Buchner zugeben. Doch der Protest wachse zusehends.

Helge Cramer, Regisseur der Dokumentation "WAAhnrock", ließ seine "Haltung zur WAA in den Film einfließen", ohne sich aktiv am Widerstand zu beteiligen. "Ich beanspruche allerdings nicht, alles richtig gesehen zu haben", betonte der Journalist. 90 Tage nach Tschernobyl waren 120 000 Menschen zum "Protestkonzert gegen den atomaren WAAhnsinn" nach Burglengenfeld gekommen .
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