Die Entdeckung einer Unbekannten
"Tänzerin von Auschwitz"

Ein Koffer mit dem eigenen Nachnamen führt Paul Glaser bei einem Besuch in Auschwitz auf die Spur der eigenen verschwiegenen Familiengeschichte. Der niederländische Katholik entdeckt die jüdischen Wurzeln seiner Familie und macht sich auf die Suche nach Informationen über seine Tante Roosje, die "Tänzerin von Auschwitz". Sein Buch über "die Geschichte einer unbeugsamen Frau" ist auch die Geschichte einer Selbstfindung.

Ein bewegtes Leben hatte Roosje Glaser, Tochter einer wohlhabenden jüdischen Familie aus Nijmegen, allemal. Von Kind auf war sie von Musik und Tanz fasziniert, als lebenslustige und emanzipierte junge Frau machte sie sich mit einer Tanzschule selbstständig, stieß das konservative Elternhaus vor den Kopf, als sie noch als Teenager beschloss, mit ihrer großen Liebe in "wilder Ehe" zusammen zu leben.

Doch der Mann, mit dem sie sich ein gemeinsames Leben erträumte, kommt bei einem Flugzeugabsturz ums Leben - und der aufkommende Nationalsozialismus im benachbarten Deutschland wirft schon bald seine Schatten auch auf die Niederlande. Lange vor dem Einmarsch deutscher Truppen beobachtet Roosje auch in der eigenen Umgebung Nazi-Sympathien.

Verrat durch Ex-Mann

Als unter deutscher Besatzung im Zweiten Weltkrieg auch die niederländischen Juden zunehmend aus dem öffentlichen Leben ausgegrenzt werden, verrät ausgerechnet ihr Ex-Mann die junge Frau, die auf dem elterlichen Dachboden illegal weiter Tanzunterricht erteilt und die sich weigert, in der Öffentlichkeit den gelben Stern zu tragen, der sie als Jüdin ausweist. Ein ehemaliger Liebhaber verrät später das Versteck der mittlerweile untergetauchten Roosje an die Deutschen.

Über mehrere niederländische Arbeits- und Konzentrationslager führt ihr Weg schließlich nach Auschwitz. Sie überlebt die pseudomedizinischen Experimente des berüchtigten Lagerarztes Josef Mengele - und die Arbeit an den Gaskammern von Birkenau, wo die selbstbewusste junge Frau einen Aufseher um eine andere Arbeit in einer Munitionsfabrik bittet. Gleich mehrfach verführt sie deutsche Offiziere, sichert sich Büroarbeit mit besseren Arbeitsbedingungen, organisiert Tanzabende für die SS - es ist ein Überleben um jeden Preis.

Aufräumen mit Mythen

Verglichen mit anderen Häftlingserinnerungen scheint vieles, was Glaser aus Briefen und nach dem Krieg niedergeschriebenen Erinnerungen seiner Tante zusammen getragen hat, geradezu unwahrscheinlich - Auschwitz-Häftlinge, die noch die Kraft hatten, mit einem munteren Lied auf den Lippen in der Baracke für Stimmung zu sorgen? Arbeitseinsatz in der Todeszone der Krematorien, der quasi im Alleingang beendet wird, indem dem Aufseher mitgeteilt wird, man wolle lieber in der Fabrik arbeiten? Die meisten Häftlinge der Sonderkommandos wurden schließlich als Augenzeugen der Nazi-Verbrechen selbst ermordet.

"Die Tänzerin von Auschwitz" räumt aber auch mit niederländischen Widerstandsmythen auf, schildert die oft verdrängte Kollaboration mit den Deutschen und den Umgang mit Holocaust-Überlebenden in der Nachkriegszeit, dem langen Warten auf Entschädigung und Wiedergutmachung. Roosje Glaser wollte in diese Niederlande nicht zurückkehren. Als vermeintliche Dänin wurde sie mit anderen skandinavischen Häftlingen vom Schwedischen Roten Kreuz nach Schweden gebracht - hier kam Paul Glaser Jahrzehnte später mit seiner Tante zum ersten und letzten Mal zusammen. Seinem Buch merkt man die Faszination und Bewunderung für die unbekannte Verwandte an.

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Paul Glaser: "Die Tänzerin von Auschwitz. Die Geschichte einer unbeugsamen Frau", 286 Seiten, 19,95 Euro, Aufbau-Verlag.
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