Die Geschlechtertürme bestimmen das Regensburger Stadtbild seit dem Mittelalter
Außen hoch und innen hohl

Papst Benedikt XVl. fährt 2006 nach seinem Besuch im Dom im Papa-Mobil über den Haidplatz in der Regensburger Innenstadt. Der war im Mittelalter Zentrum der Kaufleute. Bild: dpa
 
Der Holzschnitt von Michael Wolgemut aus der Weltchronik des Hartmann Schedel zeigt Regensburgs "mittelalterliche Skyline" im Jahre 1493. Foto: Stadt Regensburg

Viele Städte beneiden Regensburg wegen seiner mittelalterlichen Silhouette. Die vor allem in Italien wohlbekannten Geschlechtertürme sind teilweise bis heute erhalten. Wenn auch mit veränderter Funktion. Und sind diese Türme jetzt eigentlich männlich oder weiblich?

Regensburg ist Welterbe, daran gibt es nichts zu rütteln. Auch der Bezeichnung als "mittelalterliches Wunder Deutschlands" lässt sich kaum etwas entgegensetzen. Von der Steinernen Brücke aus zeigt es sich besonders deutlich: Eine mittelalterliche "Skyline" prägt heute noch das Erscheinungsbild der Stadt. Gemeint sind damit vor allem die Geschlechtertürme. Eine für Deutschland seltene Erscheinung, die auch gerne als einzigartige Anlehnung ans ferne Italien gehandelt wird. Doch ab hier ist die Sache nicht mehr so einfach.

Name erst nach Türmen

"Geschlechtertürme." Matthias Freitag lässt das Wort auf der Zunge zergehen. Aus der Bezeichnung dürfe man keine voreiligen zweideutigen Rückschlüsse ziehen, das stellt er gleich einmal klar. "Das Wort ,Geschlecht' meint hier eine Familie", sagt Freitag. "Genauer gesagt, eine vornehme Familie. Und der Name entstand auch erst viel später als die Türme selbst."


Matthias Freitag ist Historiker und Gästeführer in Regensburg. Er kennt die Geschichte der Stadt wie kaum ein anderer. Und jetzt räumt er einmal richtig auf mit den Gerüchten um die Geschlechtertürme. Die Entmystifizierung des Namens ist dabei nur der Anfang. Freitag nippt an seinem Milchkaffee und schaut aus dem Fenster. Sein Sitzplatz im Café Goldenes Kreuz befindet sich an zentraler Stelle. Der Blick fällt auf den Haidplatz, ein mittelalterliches Erbstück, das die strahlende Sonne an diesem Tag von seiner besten Seite zeigt.

Hier und in den angrenzenden Straßen stehen sie seit etwa 800 Jahren: Die Geschlechtertürme. Auch wenn sie nicht mehr alle auf Anhieb so leicht zu erkennen sind wie das Vorzeigestück, der Goldene Turm in der nahen Wahlenstraße.

"Die Regensburger Geschlechtertürme sind vor allem im 13. Jahrhundert entstanden." Um das Verständnis für die Bauten zu wecken, muss Matthias Freitag bei der Geschichte der Stadt anfangen. "Regensburg war damals eine Handelsstadt", fährt er fort. Eine Fernhandelsstadt, um genau zu sein. Die Regensburger waren reich und weltgewandt.

Natürlich nicht alle. "Es gab gute Viertel und es gab schlechte Viertel." Matthias Freitag deutet auf den spätwinterlichen Haidplatz. "Das hier war ein gutes." Nämlich das der Patrizier: "Am Haidplatz und in seiner Umgebung hatten sich damals die reichen Kaufleute angesiedelt", erzählt Freitag weiter. Neben dem Bezirk des Königs rund um den Kornmarkt und dem des Bischofs am Dom war dies das dritte bedeutende Viertel in der mittelalterlichen Metropole Regensburg.

Geschlechtertürme gab es nur hier. Insgesamt waren es wohl um die 60 Stück, entsprechend der gut 60 Patrizierfamilien, die sich in Regensburg angesiedelt hatten. Die beiden anderen Parteien innerhalb der Stadt, also die Anhänger von Hof und Kirche, machten derartigen Firlefanz nicht mit. Denn eine geckenhafte Modeerscheinung waren die Geschlechtertürme wohl zum Teil. "Es wurden auf jeden Fall Lifestyle-Elemente aus Italien übernommen", räumt Freitag ein. Trotz des raueren Klimas wurden die südlich anmutenden Türme gerne mit Loggien versehen, Freisitzen in einem oberen Stockwerk.

Der im Ursprungsland Italien aber durchaus vorhandene Zweck der Türme entbehrte in Regensburg seiner Grundlage. Jenseits der Alpen waren die Clans innerhalb einer Stadt oft verfeindet, befanden sich in kriegsähnlichem Zustand. Freitag verweist auf "Romeo und Julia" als prominentes Beispiel einer gepflegten Familienfehde. Da konnte man einen Wehrturm durchaus brauchen.

Die burgartigen Zinnen, mit denen die Regensburger Kaufleute ihre Türme versahen, waren dagegen reiner Zierrat. Ein Statussymbol also. Ebenso übrigens wie die familieneigene Hauskapelle, die oft im Erdgeschoss des Turmes untergebracht war. Die oberen Stockwerke dagegen waren meist leer.

Türme als Lager

Dennoch ist Freitag vorsichtig mit Verallgemeinerungen wie "Prestigestück" oder "Statussymbol". Schließlich hat die Forschung herausgefunden: Etliche Geschlechtertürme Regensburgs waren von der Straße aus gar nicht zu sehen. Welchen Sinn aber hat ein Prestigeobjekt, das keiner bemerkt?

Das fragt sich Matthias Freitag und verweist auf eine andere Verwendungsmöglichkeit: Ein Turm hatte Steinmauern, ganz im Gegensatz zu vielen anderen Gebäuden des Mittelalters. Und darin konnte man Waren relativ sicher lagern. Eine durchaus praktische Überlegung in der Handelsstadt Regensburg, die Freitag zu der Bemerkung veranlasst: "Da kann man die ganze Italiengeschichte vergessen."

Sicher ist für ihn aber eines: Die Höhe eines Turmes sagt nichts aus über den Reichtum seiner Besitzer. Auch wenn diese Interpretation noch so gerne verwendet wird. Der Grund: Die Türme haben sich im Lauf der Zeit verändert. Sie wurden aufgestockt, abgetragen, baulich modernisiert. Manche sind nur noch als Stümpfe erhalten, andere sind eingestürzt. "Heute kann man oft nur noch sagen, dass da ein Turm war, aber nicht wie hoch er war", fasst es Freitag zusammen.

"Regensburg ist nach dem Mittelalter stark verarmt. Dadurch, dass kein Geld mehr da war zum Erhalt, sind viele Türme verschwunden." Der Historiker verweist auf die stark dezimierte Anzahl der Geschlechtertürme. Nur noch 20 Stück davon stehen bis heute. An den einstigen Turm des Thon-Dittmer-Palais am Haidplatz etwa erinnert nur noch die Sigismundkapelle in dessen ehemaligem Erdgeschoss.

Nicht alle dieser Türme sind in ihrer ursprünglichen Form erhalten. Nach und nach begann man, die leeren Bauten zu füllen. Wohnungen, Cafés, Hotels, ein Studentenwohnheim: Die meisten Türme sind heute genutzt. Als Statussymbol dienen die Geschlechtertürme nach wie vor. Immerhin zeichnen sie eine mittelalterliche "Skyline". Und welche Stadt hat das schon?
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