Die nicht erzählte Geschichte

Am Tage des Semesterbeginns an der altehrwürdigen Pariser Sorbonne, der man inzwischen nur noch eine schnöde Nummer verliehen hat, war Jörg neugierig und unsicher zugleich. Er hatte für dieses Auslands-Semester ein Stipendium erhalten, weil er dank seiner an der deutsch-französischen Grenze verbrachten Schulzeit die Sprache von Molière und Brigitte Bardot recht gut beherrschte.

In der Pause zwischen den zwei ersten Vorlesungen stellte er sich zu einer gut gelaunten Gruppe von Studenten beiderlei Geschlechts hinzu, die gerade in ein kollektives lautes Gelächter ausbrach. Ein rotblonder, an Dany Cohn-Bendit erinnernder Kommilitone, hatte mit einer geschickt angebrachten Pointe seine Anekdote beendet. Jörg erfuhr, dass die fröhliche Clique an einem bekannten Pariser Gymnasium gemeinsam den Schulabschluss geschafft hatte.

Froh und erleichtert merkte er, dass er auch die folgenden Witze und Anekdoten seiner Mitstudenten sprachlich mitbekam und herzlich mitlachen konnte. Doch plötzlich schlug ein Blondschopf vor: "He, du Deutscher mit dem unaussprechlichen Namen, erzähl uns auch mal etwas Lustiges von jenseits des Rheins!" Jörg freute sich über diese Aufforderung und entschied sich rasch für eine etwas pikante Geschichte. Doch während er sich noch im Kopf den Ablauf seiner Erzählung zurechtlegte, merkte er erschrocken, dass ihm ein französisches Wort fehlte und das ihm permanent nicht einfallen wollte.

Um seine Story nicht mittendrin unterbrechen zu müssen, entschloss er sich, diese Sprachlücke freimütig zu bekennen und sich das fehlende Wort vorab sagen zu lassen. Dazu fragte er den einzigen Studenten, der noch nichts gesagt hatte: Wie heißt auf französisch stottern?" und machte es mit den Silben "stott-tott-tott" vor. Was passierte? Das Gesicht des von Jörg um Hilfe gebetenen jungen Mannes lief rot an, er seine Augen zornig auf und alle übrigen lachten laut los, als er schließlich stammelte: "be-bebegayer." Andrè war ein echter Stotterer!

Jörg brauchte eine Woche lang, den zunächst verletzten Kommilitonen davon zu überzeugen, dass es sich nicht um ein abgekartetes Spiel gehandelt hatte. Jörgs nicht erzählte Geschichte jedoch legte den Grundstein für eine heute noch andauernde Freundschaft mit Andrè.
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