Die versteckten Helden

Wenn sich zum Volkstrauertag die Menschen um das Kriegerdenkmal im Michelfelder Friedhof versammeln, sehen sie vier Steintafeln, die an die Toten des Ersten Weltkriegs erinnern. Das tun auch zwei ältere Formen des Denkmals. Die kennt allerdings kaum mehr jemand.

Die erste Form des Gedenkens war nur aus Papier. Darauf stehen die Namen von 37 Gefallenen aus der Pfarrei - umrankt von Eichenblättern, unter einem Motiv aus Palmzweigen, Flaggen und Kanonenrohren, versehen mit dem Bibelspruch "Sie waren bereit, für Gesetz und Vaterland zu sterben!" sowie dem heute befremdlich anmutenden Satz "Gott will es".

Hier ist noch das Alter der Gefallenen vermerkt. Der Jüngste ist Georg Neuner mit 20 Jahren, der Älteste Georg Friedl mit 45. Dieses Dokument, auf dem möglicherweise der Pfarrer noch während des Krieges die Toten fortlaufend verzeichnete, hat sich in einem Holzkasten mit Glasdeckel erhalten. Die Angaben, wann und wo die Männer fielen, sind allerdings größtenteils schon sehr verblasst. Der Michelfelder Kirchenführer Luitpold Dietl hat den Kasten vor kurzem im Aufgang zur Empore im Turm der Pfarrkirche aufgehängt.

Unerwünschte Ablenkung

Die zweite Form des Kriegerdenkmals ist aus Holz und erfasst dann auch die Vermissten. So bringt sie es auf 51 Namen. "Den Toten zur Ehr', den Lebenden zur Erinnerung" gibt die übermannshohe Tafel selbst als ihren Zweck an. Sie stand früher in der Friedhofskirche. Als die ab 1983 renoviert wurde, verschwand das Kriegerdenkmal aus dem Gottesdienstraum. "Wenn wir es drin lassen, lesen die Leute bloß während der Kirche die Namen und sind dadurch abgelenkt", war laut Luitpold Dietl damals die entscheidende Überlegung, die das Denkmal aus der Öffentlichkeit verbannte. Es wurde in dem für gewöhnlich nicht zugänglichen Gang neben der Sakristei an die Wand geschraubt.

Die Namen und Todesdaten der im Ersten Weltkrieg Gefallenen (jetzt 52) kamen dafür auf vier Muschelkalkplatten, die neben dem monumentalen Kreuz im Friedhof aufgehängt wurden, das zusammen mit vier ähnlichen Namenstafeln bereits auf die Toten des Zweiten Weltkrieges verwies. In der 2003 renovierten Form ist es noch heute der Ort, an dem zum Volkstrauertag der im Krieg gebliebenen Soldaten gedacht wird.

Auf den beiden älteren Varianten des Michelfelder Kriegerdenkmals spiegelt sich die gesamte Geschichte der Kämpfe zwischen 1914 und 1918 wider, weil bei den Sterbedaten häufig die Orte auftauchen, an denen die großen Schlachten Hunderttausende von Menschenleben kosteten: Verdun, Arras, Flandern. Und man kann noch aus der Distanz von fast 100 Jahren die Bestürzung nachspüren, die den ganzen Ort erfasste, wenn an einem Tag gleich zwei junge Michelfelder ihr Leben ließen. Wie am 24. Juni 1915 Johann Gradl und Albert Schwemmer bei Arras. Oder am 27. Dezember 1914 Johann Michael Stützinger und Josef Grüner bei Carency (ebenfalls in der Nähe von Arras).

Weihnachtsfriede fraglich

Das Todesdatum der letzten beiden lässt auch die immer wieder gerne erzählte Geschichte von der großen Verbrüderung der Frontkämpfer aus unterschiedlichen Nationen an den Weihnachtstagen des Jahres 1914 in einem anderen Licht erscheinen. Sie soll ja unter anderem dazu geführt haben, dass man etliche Tage lang nicht mehr aufeinander schoss, höchstens auf direkten Befehl von kampfeswütigen Vorgesetzten, aber dann nur über die Köpfe der Gegenseite hinweg. Eine einfache Inschrift auf einem Kriegerdenkmal reicht also, um zu erkennen, dass das zumindest nicht überall so war.
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