Dr. Heribert Fleischmann im Interview über Borderline - Ein bis zwei Prozent der Bevölkerung ...
"Zwischen Zuneigung, Wut und Hass"

Borderline kann laut Dr. Heribert Fleischmann unter anderem durch sexuellen Missbrauch ausgelöst werden. Über Ursachen und Behandlungen sprach Redakteur Christopher Dotzler mit dem Ärztlichen Direktor des Bezirkskrankenhauses Wöllershof.

Was ist Borderline? Worin äußert sich die Krankheit?

Mit Borderline bezeichnen wir eine Hemmung oder einen Bruch in der Entwicklung der Persönlichkeit mit charakteristischen Merkmalen. Menschen mit dieser Störung neigen zu ungesteuerten schnellen und intensiven emotionalen Reaktionen. Die Affekte können innerhalb kurzer Zeit zwischen extremer Zuneigung sowie Wut und Hass schwanken. Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind instabil, Nähe wird stark gesucht und kaum ertragen. Bezugspersonen werden gleichermaßen idealisiert und entwertet. Die erhöhte Impulsivität führt häufig zu selbstschädigendem Verhalten wie Geldausgeben, riskanten sexuelle Beziehungen, Drogenkonsum, rücksichtslosem Fahren, zu viel oder zu wenig Essen, suizidalen Handlungen, oder Selbstverletzungen. Darunter leidet auch das Umfeld.

Was können Auslöser für das Syndrom sein?

Unsere Persönlichkeitsentwicklung beginnt auf der Basis unserer genetischen Ausstattung, spätestens mit der Geburt in der Interaktion mit der Mitwelt. Störfaktoren können ungünstige Lebensbedingungen sein wie Armut, Bildungsmangel oder Bindungsstörungen. Borderline entsteht häufig in einem gewalttätigen, wenig fürsorglichen, emotional vernachlässigenden familiären Milieu, insbesondere bei sexuellem Missbrauch, trinkenden oder Drogen konsumierenden Eltern oder bei ständigen Ehekrisen. Die Störung manifestiert sich meist im Jugend- und frühen Erwachsenenalter.

Ist Borderline heilbar?

Persönlichkeit ist in der Regel ein stabiles Merkmal eines Menschen und zunächst auch keine Krankheit, damit also nicht heilbar. Ungünstige Persönlichkeitsmerkmale sind jedoch modifizierbar. Spezielle Krankheitssymptome wie Angst, Depression und auch Impulsivität können behandelt werden

Was kann man dagegen tun?

Psychotherapeutische Interventionen zielen auf eine Stärkung der Persönlichkeit: Übernahme von Eigenverantwortung, Selbstbestimmung und Integration der widerstrebenden Empfindungen in das Selbstbild. Wenn irgendwie möglich sollten die Bezugspersonen einbezogen werden, etwa bei einer Paar- und Familientherapie. Psychopharmaka können bei bestimmten Symptomen unterstützend wirken.

Wie viele Fälle gibt es bei uns in der Region?

Angaben zur Häufigkeit schwanken sehr und sind abhängig von der Untersuchungsmethode. Wir gehen davon aus, dass mindestens ein bis zwei Prozent der Bevölkerung, nach US-amerikanischen Statistiken bis zu sechs Prozent, im Laufe ihres Lebens Krankheitszeichen entwickeln. In der Oberpfalz wären das 10 000 bis 20 000 Personen. Frauen scheinen häufiger betroffen zu sein, Menschen nach dem 40. Lebensjahr zunehmend weniger.
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