Dr. John Nunn
Multitalent

April wird eine bemerkenswerte Schachpersönlichkeit 60 Jahre alt. Die Rede ist von dem Engländer Dr. John Nunn. Bevor er die Schachbühne betrat, ließ er auf anderem Gebiet aufhorchen. Als Mathematikgenie durfte er bereits 1970 ein Mathematikstudium an der Oxford-Universität aufnehmen. Mit gerade einmal 15 Jahren war er der jüngste "Undergraduate", den diese Eliteuniversität in den letzten 500 Jahren akzeptierte, und hatte bereits 1978 mit 23 Jahren den Doktorhut in der Tasche.

Das Jahr 1978 war für Nunn auch deshalb bemerkenswert, weil ihn der Weltschachverband Fide zum Schachgroßmeister kürte. Vorausgegangen war eine steile Schachkarriere, die zunächst 1975 im Gewinn der Jugend-Europameisterschaft gipfelte. Der Gewinn der britischen Meisterschaft 1980 läutete seine stärkste Zeit als Schachspieler ein. In den 80er- und frühen 90er-Jahren zählte er zur Weltspitze. So gewann er 1982, 1990 und 1991 das Traditionsturnier in Wijk aan Zee und 1986 die Offene Deutsche Einzelmeisterschaft. Zwischen 1976 und 1994 vertrat er England bei sämtlichen Schacholympiaden und holte mit dem englischen Team zweimal Bronze und dreimal Silber.

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Großmeistertitel

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Besonders bemerkenswert ist auch, dass Dr. John Nunn erst der Dritte ist, der sowohl im Turnierschach als auch im Lösen von Schachkompositionen den Großmeistertitel erhielt. Dreimal, 2004 in Chalkidiki, 2007 auf Rhodos und 2010 auf Kreta wurde er Weltmeister im Lösen von Schachproblemen und Studien. Auch hat er sich als Verfasser tiefsinniger Schachaufgaben und Studien hervorgetan.

Nicht unerwähnt darf sein reiches schachliterarisches Schaffen bleiben. Zudem bekleidet er in seinem Londoner Gambit-Verlag die Funktion eines Schachdirektors. Dabei hat ihm seine deutsche Frau Petra Fink, mit der er seit 1995 verheiratet ist, bei der Übersetzung seiner Bücher ins Deutsche wertvolle Dienste geleistet.

Sehen Sie seinen Schwarzsieg gegen den ukrainischen GM Alexander Beliavsky aus dem Turnier in Wijk aan Zee 1985, den Nunn als eine seiner besten je gespielten Partien betrachtet. Sie wurde von der Jury des Schachinformators zur besten Partie des ersten Halbjahres 1985 gewählt.

Weiß: Alexander Beliavsky

Schwarz: Dr. John Nunn

1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.f3 0-0 6.Le3 Sbd7 7.Dd2 c5 8.d5 Se5 9.h3 Sh5 10.Lf2 f5 11.exf5 Txf5! 12.g4 Txf3 13.gxh5 Df8 14.Se4 Lh6 15.Dc2 Df4 16.Se2 Txf2! 17.Sxf2 Sf3+ 18.Kd1 Dh4! 19.Sd3 Lf5 20.Sec1 Sd2 21.hxg6 hxg6 22.Lg2 Sxc4 23.Df2 Se3+ 24.Ke2 Dc4 25.Lf3 Tf8 26.Tg1 Sc2 27.Kd1 Lxd3 0-1

Tagesnotizen: Die Partie zu Taktikaufgabe Nr. 95a ist beim diesjährigen Schachfestival in Wijk aan Zee zwischen dem erst 15 Jahre alten chinesischen GM Yi Wei und der 21 Jahre alten niederländischen WIM Anne Haast gespielt worden. Schwarz, dessen Königsflügel sträflich unterentwickelt ist, hatte gerade 0...Tc8 gespielt mit der Absicht, auf der c-Linie für Unruhe zu sorgen. Tatsächlich jedoch erlaubt dieser natürliche Entwicklungszug dem Weißen einen flotten Königsangriff. Wie der Jüngling wohl dabei vorgegangen ist?

Vor 95 Jahren geboren und vor 40 Jahren gestorben ist der Verfasser des Zweizügers in Aufgabe Nr. 95b. Er ist in der Problemschachszene kein Unbekannter: Großmeister für Schachkompositionen, dem Ungarn die größtmögliche Ehrung für sportliche Erfolge zuteil werden ließ: "Ewiger ungarischer Landesmeister!" Ein glänzender Schlüsselzug leitet ein bekanntes Problemthema ein.

Lösungen: Die Partie zu Taktikaufgabe Nr. 94a (Navara-Michiels, W: Kg1, Dc1, Tb7, Tc7, Lf4, Sf3, Ba3, d4, f2, g3 [10], S: Kh8, Dh3, Ta8, Tf8, Lh7, Sg5, Bd5, e6, g7, h6 [10]) wurde heuer im B-Turnier von Wijk aan Zee zwischen dem tschechischen Super-GM David Navara und dem belgischen GM Bard Michiels gespielt. Die weiße Streitmacht befindet sich bereits im Angriffsmodus. Der Springer f3 ist angegriffen. So gibt 1.Sxg5! den Startschuss zu einem erfolgreichen Königsangriff, bei dem zuerst der Läufer h7 einer Bewachung beraubt wird.

Nach1...hxg5 kümmert sich Weiß nicht um den nun angegriffenen Läufer f4, sondern schlägt sofort mit 2.Txg7 zu. 2...gxf4beantwortet Weiß mit 3.Dc7! Die Vertrippelung auf der 7. Reihe droht entscheidend 4.Txh7+. Auf den Wegzug 3...Le4, mit dem Schwarz die Drohung pariert und selbst matt droht (4...Dg2#/Dh1#), lässt Weiß unter Schachgebot das Turmopfer 4.Tg8+! folgen. Nach 4...Kxg8 setzt 5.Dg7# sofort matt, während Weiß nach 4...Txg8 zu 5.De5+ Tg7 6.Dg7# greift.

Ein Finale, das eindrucksvoll die verheerende Kraft von Schwerfiguren auf der siebten (bzw. zweiten) Reihe zeigt! Der Vierzüger aus eigener Werkstatt inAufgabe Nr. 94b (W: Kc3, Lf4, Sd2, Sd4, Bg3 [5], S: Kd5 [1]) als Rex-Solus-Miniatur kommt mit sechs Figuren aus. Sehen wir die Ausgangsstellung näher an, fällt auf, dass der schwarze König nach Feld c5 flüchten könnte.

Die Existenz des Bauern g3 deutet indes eher darauf hin, dass dieser wohl für ein Mattbild benötigt wird, daher eine Königsflucht nach Feld c5 zu verhindern ist. Diese Überlegung macht den Gib-und-Nimm-Schlüssel1.Sb3! verständlich, der dem schwarzen König das Feld c5 raubt, dafür das Feld e4 gibt.

Nach dem erzwungenen 1...Ke4 zeigt sich, dass die Bewegungsfreiheit des schwarzen Königs auf die Felder e4 und d5 beschränkt bleibt. Diese Felder sind ihm also zu nehmen. Hierzu macht sich Weiß mit 2.Sc5+ auf den Weg und hat nach 2...Kd5 3.Sd7 Ke4 4.Sf6# sein Ziel erreicht, da der Springer von Feld f6 aus beide Fluchtfelder kontrolliert.

Nachdem alle Züge vom Springer ausgeführt werden, ist eine Rex-Solus-Miniatur mit Springer-"Schwalbe" dargestellt, die in ein Idealmatt mündet. Ideal deshalb, weil sich alle weißen Figuren am Matt beteiligen und das Mattfeld des schwarzen Königs und jedes seiner acht Fluchtfelder nur aus einem Grunde kontrollieren.
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