Durch Zufall entdeckt

Verfallene Gebäude, zerborstene Scheiben und rostendes Inventar - stille Zeugen aus vergangenen Zeiten mit einem eigenen morbiden Charme. Für manche das letzte Abenteuer in einer durchgeplanten Welt.

Verlassene Kasernen, Fabriken und Wohngebäude bieten einen ehrlichen, ungeschönten Blick in die Vergangenheit, der in Museen so nicht zu sehen ist. Wer diese Orte betritt, geht nicht nur in ein Gebäude. Manchmal bewegen sie sich damit aus rechtlicher Sicht auf dünnem Eis. Das Überschreiten der Türschwelle ist auch der Eintritt in eine andere Zeit - dreidimensional und real. Eines der wohl letzten Abenteuer in Zeiten durchgeplanter Städte und All-inclusive-Safaris mit Frühstücksservice.

Die Oberpfalz mit ihrem Strukturwandel gleicht einem Abenteuerspielplatz für Menschen, die sich der "Urban Exploration" (Städtische Erkundung) verschrieben haben und diese "Rotten Places" (verfallene Orte) mit der Kamera dokumentieren. Leerstehende Porzellan- und Glasmanufakturen sowie Überbleibsel aus dem Kalten Krieg - diesseits und jenseits der deutsch-tschechischen Grenze gibt es ausreichend.

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André Winternitz hat die "Ruinenfotografie" eher durch Zufall in seiner Heimat rund um Schloß Holte-Stukenbrock (Nordrhein-Westfalen) für sich entdeckt. Eine seiner ersten Arbeiten waren Bilder einer Kirchenruine. Bald schon folgten Aufnahmen von Industrieruinen. Um seine Bilder und die Leidenschaft für verfallende Gebäude zu teilen, gründete Winternitz die Webseite rottenplaces.de. "Mit dem Projekt Rotten Places haben wir ein virtuelles Archiv geschaffen, in dem verfallende Orte und deren Geschichte nicht nur fotografisch erfasst sind, sondern erinnern an deren Existenz - auch nach einem Abbruch der Gebäude." Der Schwerpunkt liegt bei Winternitz in einer "ernsthaften Dokumentation". Mittlerweile entstanden aus dieser Art der Archivarbeit auch Kooperationen mit Liegenschaftsämtern, Vereinen und Investoren.

Aus der Szene der "Urban Exploration", der er sich zu Beginn seiner Schaffenszeit noch zugehörig fühlte, hat sich Winternitz gelöst. Die immer größer werdende Zahl an Gemeinschaften und Gruppen auf Kommunikationsplattformen wie Facebook sieht Winternitz "extrem kritisch". "Jeder, der - überspitzt gesagt - eine Kamera richtig herum halten kann, stürzt sich in diese Gebäude und knipst wild drauf los."

Tobias Riedl aus Amberg ist durch eine gebuchte Führung auf den Geschmack gekommen. "Wir waren 2013 in Berlin im Spreepark." Seit dieser Zeit ist der 44-Jährige immer wieder mit der Familie und der Kamera unterwegs. "Wir machen nur geführte oder organisierte Touren. Wegen der Sicherheit." Auch wenn die Familie an einem Ort kurz getrennt auf Motivsuche geht, gilt: "Es ist immer ein Elternteil bei einer Tochter dabei."

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Ruhe finden

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Für Thomas Schuhmann aus Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg sind die verlorenen Orte ein willkommener Nebeneffekt. Eigentlich ist der 36-Jährige nicht auf der Suche danach. Seine Leidenschaft gilt dem Geocaching, einer GPS-Gerät gestützten "Schatzsuche". Nahezu zwangsläufig ergeben sich da immer wieder Fotomotive, die Schuhmann dann auch festhält. "Man kommt an Orte, an die sonst keiner denkt oder hingeht."

"Dabei kann ich Ruhe finden." Michael Weidhaas nutzt das Urban Exploring "beinahe meditativ". "Als Verkaufsleiter hab' ich einen extrem stressigen Alltag und dabei kann ich dann abschalten. Wenn man nur seine eigenen Schritte hört, seinen eigenen Atem im Winter sieht, dann hat das etwas ganz Besonderes." Bilder sind in solchen Momenten für den Weidener zweitrangig. "Es kommt auch vor, dass ich von so einer Tour nur mit einem einzigen Bild zurückkomme."

André Winternitz will sich trotz aller Widrigkeiten nicht davon abhalten lassen, weiter zu machen. "Das ist wie eine Sucht." Die Leidenschaft für Architektur und der "fotografische Virus" treibt ihn an - in Deutschland und weltweit. "Für die Insel Hashima in Japan würde ich sofort alles liegen lassen."
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