Ein einziger Feiertag

Die meisten Menschen feiern Weihnachten in der Familie. Viele, vor allem Jugendliche, verbringen es "außer Haus". Und dann gibt es noch jene, die Weihnachten in einem Nachbarland erleben wollen, zum Beispiel "Noel" in Frankreich.

Alles hatte damit begonnen, dass Charlotte, die junge deutsche Studentin, die Weihnachtszeit nicht daheim, sondern in Paris verbringen wollte. Ihre Gasteltern waren sofort einverstanden. Ihre drei Kinder waren sogar begeistert, weil sie die Demoiselle mit dem ulkigen Akzent längst ins Herz geschlossen hatten.

Und nun war die Adventszeit da. Neugierig flanierte Charlotte durch die Straßen der "Stadt des Lichts". Doch der Dezember-Nebel ließ den nicht gerade üppigen Straßenschmuck kaum zur Geltung kommen. Die flatternden goldfarbenen Metall-Streifen an den Champs Elysées blieben recht blass. Vielleicht hatten die Studenten im Quartier Latin ihre aufgespannten asiatisch anmutenden Tücher deshalb besonders bunt geschmückt. Richtige kleine Weihnachtsmärkte gab es auch nur wenige. Wirklich prächtig leuchtete nur der Christbaum aus unzähligen Glühlampen an den Flanken des Eiffelturms.

Daheim erklärte Madame Lafitte: "Wir Franzosen geben Adventszeit und Weihnachten weniger sentimentale Bedeutung als unsere Nachbarn jenseits des Rheins. Aber die ,Geschenk-Lawine' rollt wie bei euch. Deshalb wartet unser Nachwuchs ebenso ungeduldig auf das Weihnachtsfest wie die deutschen Kinder. Leider gibt es bei uns nur selten eure schönen Adventskalender mit ihren Fensterchen, hinter denen sich süße Überraschungen verbergen."

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Charlotte wusste bereits, dass der Heilige Abend in Frankreich ein - fast - normaler Arbeitstag ist und dass es keinen arbeitsfreien zweiten Feiertag gibt. So half sie ihrer Gastgeberin beim Schmücken des großen Appartements. Der bunt dekorierte Christbaum kam ins Zentrum des Salons. Die von den Großeltern geerbte Krippe, ein paar Mistelzweige und die vor dem Kamin abgestellten Kinderstiefel rundeten das Dekor ab. Die Stiefel waren noch leer. Die würde der Père Noel - der Weihnachtsmann - erst füllen, wenn die Kleinen längst unruhig dem Weihnachtsmorgen entgegen schliefen. Die vorwitzige Muriel hatte einmal einen "geräumigeren" Gummistiefel abgestellt. Er war prompt leer geblieben.

Als Monsieur Lafitte spät nachmittags heimkam, hatten sich schon Onkel, Tanten und Cousinen eingefunden. "Wir feiern unsere Feste immer in der Großfamilie," erläuterte die Gastgeberin, als man sich gemeinsam zur vorgezogenen Mitternachtsmesse begab. Dort hörte Charlotte, dass sich die französische Kirche mit dem Ehrentitel "älteste Tochter" der römisch-katholischen Gesamtkirche schmücken darf.

Dann aber begann daheim "le Réveillon", das große Festessen. Madame Lafitte berichtete der Studentin: "Wer es sich leisten kann, hat einen sehr teuren Tisch im Restaurant reserviert. Viele ,normale' Familien sparen lange vorher Geld an, um die traditionellen sieben Menü-Gänge und die dreizehn Desserts zu respektieren. Die Zahl Dreizehn soll an das Abendmahl der zwölf Apostel und des Messias erinnern. Wir machen immer einen Kompromiss. Die raffiniertesten Gerichte lasse ich mir vom Feinkosthändler (für kalte und heiße Speisen) anliefern. Den Rest bereite ich mit meiner Schwester selbst zu - auch das traditionelle Hauptgericht, den mit Ess-Kastanien gefüllten Truthahn." Beim Nachtisch wies die Gastgeberin Charlotte auf eine Art Baumkuchen in Form eines Holzscheits hin, die bûche de Noel, die an jene Zeit erinnert, als jeder Gast einen Holzklotz mitbrachte, um den Kamin zu füttern und auch die Stimmung noch mehr anzuheizen.

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Fröhliche Atmosphäre

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Charlotte war vor allem von der familiären fröhlichen Atmosphäre begeistert. Man gab ihr das Gefühl, dazu zu gehören. Daran hatten sicherlich Aperitife, reichlich Wein, Kognak und Portwein ihren Anteil. Ein Onkel wies sie darauf hin, dass das Wort "Réveillon" sowohl für diesen Festschmaus als auch für das Weihnachtsfest als Ganzes stünde. Was Charlotte nicht gewusst hatte: Jacques Offenbachs oft zu Silvester aufgeführte Oper "Die Fledermaus" heißt im Original "le Réveillon".

Und die Kinder? Sie waren irgendwann verschwunden. Natürlich wachten sie am Weihnachtstag früh auf. Die gefüllten Geschenk-Stiefel wurden begeistert ausgepackt. Fröhlich spielten, sangen und stritten sie - aber stets leise. Denn die Großen brauchten mindestens einen halben Tag, um wieder "zu sich zu kommen" - auch Charlotte.

Schon während der Adventszeit hatte Charlotte voller Vorfreude erfahren, dass die Lafittes sie für den Silvester-Réveillon-Festschmaus in die Bretagne mitnehmen wollten. Dort hatten die Großeltern in den siebziger Jahren einen außer Dienst gestellten Leuchtturm gekauft und als Ferien-Domizil eingerichtet. Auch wenn Charlotte dank der vielen Stufen täglich mehrmals außer Atem geriet, genoss sie diesen Aufenthalt hoch über dem winterlich tobenden Meer mit allen Sinnen.

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Feiern bis Dreikönigstag

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In der Silvesternacht war es dann fast dieselbe Großfamilie, die sich gut gelaunt dem Réveillon hingab. Die Besonderheit des Menüs waren die Meeresfrüchte aller Art vom Hummer bis zur See-Spinne. Diesmal durften die Kinder länger wach bleiben. Und sie verschliefen den Neujahrstag wie die Erwachsenen. Auf sie wartete aber noch ein letzter Höhepunkt.

"Für die Franzosen endet die Weihnachtszeit am ersten Januar-Sonntag, an dem sie das Dreikönigs-Fest feiern, nicht am sechsten Januar wie ihr," verriet Madame Lafitte. "An diesem Tag bekommt immer ein Kind eine Königskrone aufgesetzt. Dafür gibt es strenges Reglement. Zunächst kommt die ,galette des rois', der Blätterteig-Kuchen der Könige, auf den Tisch. In ihm ist eine Bohne - oft aus Porzellan - versteckt. Das jüngste Kind darf den Kuchen anschneiden. Dann folgen die Älteren. Wer die Bohne in seinem Kuchenstück findet, wird mit einer Papp-Krone gekrönt. Ich verstecke aber immer mehrere Bohnen im Kuchen, denn es waren ja auch mehrere Könige. Und meine Bohnen sind immer aus Schokolade. Die Porzellan-Bohne erfreut höchstens den Zahnarzt."

Auf der Rückfahrt nach Paris gestand Charlotte ihren Gastgebern überglücklich, dass sie jede Minute dieses etwas anderen Weihnachtsfestes genossen und dennoch nur zwei Kilo zugenommen habe. Auf die Frage, wie sie auf ihre Idee gekommen sei, an Weihnachten in Frankreich zu bleiben, antwortete sie lächelnd: "Meine Mutter hat in Madrid studiert, ist aber zum Christfest in die Heimat gekommen. Doch dann hat sie es zeitlebens bereut, die Chance nicht genutzt zu haben, andere Sitten und Bräuche kennenzulernen."
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