Ein großer deutscher Erzähler

Mit dem Roman "Deutschstunde" schuf Siegfried Lenz einen Welterfolg. Jetzt starb der große Nachkriegsautor im Alter von 88 Jahren. Der Ostpreuße, der nach dem Weltkrieg in Hamburg lebte, setzte sich für Versöhnung mit Polen und Israel ein. Bild: dpa

Seine Schaffenskraft behielt Siegfried Lenz bis an sein Lebensende. Seine Werke verfasste er mit der Hand, größere Korrekturen gab es nicht. Vor dem Tod hatte er keine Angst.

Die Liste seiner Romane und Erzählungen ist lang, die Liste seiner Ehrungen fast ebenso. Siegfried Lenz, der große deutsche Erzähler, ist am Dienstag im Alter von 88 Jahren gestorben. Von Kritikern wurde er ebenso gewürdigt, wie er von einem großen Lesepublikum geliebt wurde. Inspiration und Schaffenskraft behielt er bis zum Ende. Es sei aber ein großer Irrtum, so bekannte Lenz in einem seiner letzten Interviews, dass ihm im Alter das Schreiben leichter falle.

Geboren wurde Lenz in Lyck, einer kleinen Stadt im masurischen Ostpreußen. Zu erspüren ist die Atmosphäre dieser Landschaft in seinem Erzählband "So zärtlich war Suleyken" (1955), mit 1,6 Millionen Auflage eines seiner erfolgreichsten Bücher. Als 17-Jähriger ging er 1943 zur Kriegsmarine, desertierte 1945 und kam als Gefangener der Engländer nach Schleswig-Holstein.

1951 erschien sein erstes Werk "Es waren Habichte in der Luft". Er hatte damals als Redakteur der "Welt" den täglichen Fortsetzungsroman zu redigieren. Davon inspiriert, versuchte er es mit einem eigenen Roman, der zuerst in der "Welt" erschien. Darin versucht ein Lehrer nach einem Umsturz im russisch-finnischen Grenzgebiet seinen Verfolgern zu entgehen, wird jedoch von den Dorfbewohnern enttarnt.

Erfolg mit "Deutschstunde"

International bekannt wurde Lenz durch den Roman "Deutschstunde" (1968), der während der NS-Zeit in einem nordfriesischen Dorf spielt. Der diensteifrige Polizist Jens Ole Jepsen setzt das Malverbot gegen seinen Freund Max Ludwig Nansen durch, hinter dessen Figur sich Emil Nolde verbirgt. 1,4 Millionen Bücher wurden allein in Deutschland verkauft und der Stoff verfilmt. Übersetzungen gibt es ins Chinesische, Japanische und Koreanische.

Unter dem Motto "Eine Stadt liest ein Buch" startete die Hamburger Kulturbehörde 2002 eine stadtweite Leseaktion mit Lenz' Roman "Der Mann im Strom" (1957). Darin fälscht ein Taucher sein wahres Alter, damit er weiter im Hamburger Hafen nach Wracks suchen darf. Zweimal wurde die Geschichte verfilmt, mit Hans Albers (1958) und Jan Fedder (2006) in der Hauptrolle.

Auf über 25 Millionen Exemplare wird die Gesamtauflage des Oeuvres geschätzt. Auf der Liste der Ehrungen finden sich der Thomas-Mann-Preis 1984, der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1988 und zahlreiche Ehrendoktorwürden. Ausgezeichnet wurde er aber auch als "Ehren-Schleusenwärter" der Alster-Schleusenwärter. Als er im Fernsehen einmal gefragt wurde, welche Ehrung er vermisse, nannte er den "Ehren-Konditor der dänischen Konditoren-Gesellschaft". Die gewünschte Ehrung ließ nicht lange auf sich warten.

Politisch engagiert

Im Juni 2014 gründete Lenz eine Stiftung zur wissenschaftlichen Aufarbeitung seines Werks. Erstmals wird am 14. November der "Siegfried Lenz Preis" an den Schriftsteller Amos Oz vergeben. Jüngstes Werk ist das Buch "Schmidt-Lenz" über seine langjährige Freundschaft mit Altkanzler Helmut Schmidt. Lenz engagierte sich vor allem in den 60er und 70er Jahren für die SPD und begleitete 1970 Bundeskanzler Willy Brandt nach Warschau zur Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrags. Kurz nach Lenz' Tod soll unter dem Titel "Gelegenheit zum Staunen" eine Auswahl mit Essays aus fünf Jahrzehnten erscheinen.

Pfeife durfte nicht fehlen

Im Jahre 2006 starb seine Ehefrau Liselotte, mit der Siegfried 57 Jahre lang verheiratet war. Die Malerin war ihm nicht nur erste Kritikerin gewesen, sondern tippte auch seine Manuskripte ab. Bis zum Ende schrieb Lenz seine Geschichten ohne größere Korrekturen mit der Hand. Eine qualmende Pfeife durfte dabei nicht fehlen. Im Juni 2010 heiratete Lenz seine langjährige Hamburger Nachbarin Ulla Reimer.

Schon zu Lebzeiten hatte Lenz sich heiter über den Tod geäußert. Während eines Krankenhausaufenthalts habe ihn der Arzt besucht: "Herr Lenz, was für eine Ehre und Freude für mich, Sie behandeln zu dürfen." Lenz: "Ich dachte mir, so ähnlich wird der Tod sprechen, wenn er zu mir kommt."
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