Ein Jahrhundertautor aus sehr kleiner Welt

Franz Kafkas Werke gelten als rätselhaft - genauso wie der Autor. Über dessen Leben hat Reiner Stach drei von der Kritik gefeierte Bücher vorgelegt. Bild: Jürgen Bauer

Fulminanter Abschluss eines Großprojekts: Reiner Stach beendet seine dreibändige Kafka-Biografie, an der er 20 Jahre arbeitete.

Kafkas Welt war klein, sehr klein. Reiner Stach rechnet einen Radius von 800 Metern aus. Den Mittelpunkt dieses Lebenskreises muss man sich ungefähr da vorstellen, wo der Turm des Alten Prager Rathauses steht. Der Kreis, der sich von hieraus schlagen lässt, umfasst so ziemlich alle Wohnungen, in denen Franz Kafka gelebt hat, die Schulen in die er ging, die Caféhäuser, die er besuchte. Das war Kafkas gesamte kleine Welt.

Großes Lesevergnügen

Aus ihr ging jedoch ein literarischer Kosmos hervor, der zweifellos Weltgeltung hat. In Ostasien und Nordamerika zum Beispiel liebt man Kafka. Oft ohne wirklich etwas von ihm zu wissen. Das hängt damit zusammen, dass es zwar Abertausende von literaturwissenschaftlichen Studien zum Verfasser solcher Romane wie "Der Process" und "Das Schloss" gibt, aber seltsamer Weise keine umfassende Biografie.

Das zu ändern, hat sich der 1951 geborenen Reiner Stach schon vor vielen Jahren entschlossen. Er startete eine auf drei Bände angelegte Biografie, die dieser Tage mit Erscheinen des Schlussteils abgeschlossen worden ist. Das Ergebnis ist nicht nur die verlässlichste Lebensbeschreibung Franz Kafkas überhaupt, es ist zudem ein solches Lesevergnügen von geradezu romanhafter Sogwirkung, dass man in der Tat sagen muss: Hier hat biographisches Schreiben - nach vergleichbaren Büchern von Rüdiger Safranski - wahrlich einen Gipfelpunkt erreicht.

Fülle von Material

Das liegt an der ungeheuren Stofffülle, aus der Stach schöpft. Dieser Mann, hat es den Eindruck, hat jeden Archivzettel weltweit umgedreht, auf dem unter Umständen ein Hinweis auf Kafka hätte stehen können. Besonders der jetzt erschienene Band über Kafkas Kindheit, Jugend- und Studienjahre, den sich Stach aufgrund bestimmter Nachlassbestimmungen bis zum Schluss aufhob, glänzt noch einmal mit einer Fülle von Material, die beeindruckend ist. Folge dieser sämtliche Aspekte abdeckenden Sammelleidenschaft des Biographen: Seine Lebensbeschreibung des großen, rätselhaften "Einzelnen" Kafka weitet sich an zahllosen Stellen zu einem Zeitpanorama von so teilweise noch nie gelesener Erklärkraft. Was zum Beispiel der Identitätenkonflikt der drei großen Gruppen - Tschechen, Deutsche, Juden - im Prag um 1900 herum tatsächlich bedeutete, so konzentriert und gleichzeitig anschaulich wie bei Stach hat man das noch selten gelesen.

Mit eigenen Theorien

Was keinesfalls heißt, dass die "Ausdeutung" Kafkas, dieses eigentlich schwer erklärlichen Phänomens von einem Autor, der komplett anders schreibt, als alle anderen, zu kurz käme. Im Gegenteil! Auch wagt Stach, selbstverständlich bestens fundiert, ganz eigene Theorien und Erklärversuche. So meint er bei Kafka einen in frühester Kindheit durchlebten Hospitalismus belegen zu können, beide Eltern fehlten ständig, weil sie sich weit mehr um ihr Ladengeschäft kümmerten, als um ihren Ältesten. Die frühen Verlustängste sieht Stach als Erklärung für Kafkas Bindungsschwierigkeiten und seine übergroße Lebensangst. Das Einzige, was ihn daraus phasenweise befreien konnte, war sein Schreiben. Daher auch Kafkas Credo: "Ich bestehe aus Literatur, ich bin nichts anderes."

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Reiner Stach: "Kafka. Die frühen Jahre", 608 Seiten, 34 Euro, Verlag S. Fischer.
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