Ein Koffer aus Paris

Durch die Freundschaft mit Walter Höllerer kam Günter Grass öfter nach Sulzbach-Rosenberg. Diese Aufnahme vom September 1980, als Grass Wahlkämpfer für Helmut Schmidt (SPD) war, zeigt den am Montag verstorbenen Literaturnobelpreisträger mit einem Bergmann an der Storg-Kreuzung. Bild: G. Heimbucher

Ein Koffer voller Erinnerungen, unter anderem das Urmanuskript der Blechtrommel, liegt mitten in der Stadt: Dieses Erbe von Günter Grass bewahrt das Literaturarchiv auf. Am Montag starb der Literaturnobelpreisträger mit 87 Jahren - sein Tod kam sehr überraschend.

Auch für Michael Peter Hehl, wissenschaftlicher Leiter des Literaturarchivs. Im Interview schildert er, wie sich die Verantwortlichen der Einrichtung noch am Montag dazu entschlossen haben, dem Verstorbenen im Sommer eine Ausstellung zu widmen.

Wer hat sich denn am Montag nach dem Tod von Günter Grass alles bei Ihnen gemeldet?

Unser Telefon stand zunächst natürlich kaum still. Anfragen kamen von Rundfunk, der regionalen und der überregionalen Presse. Ich selbst habe mich insbesondere mit denjenigen Anfragen befasst, die sich konkret auf das Blechtrommel-Manuskript bezogen, das bei uns archiviert liegt, etwa im Hinblick auf seine Bedeutung für die Germanistik. Das Günter-Grass-Haus in Lübeck hingegen hatte da einen Presseansturm ganz anderer Größenordnung zu bewältigen.

Was hat die Anrufer interessiert?

Die meisten wollten wissen, wie genau das Ur-Manuskript der "Blechtrommel" nach Sulzbach-Rosenberg gekommen ist. Das ist eine recht spannende Geschichte, die mit der engen Freundschaft zwischen Günter Grass und Walter Höllerer zusammenhängt. Die beiden kannten sich seit den 1950er Jahren.

Denken Sie, dass das Werk von Günter Grass noch bekannter werden wird?

Es besaß ja schon zu Lebzeiten einen hohen Bekanntheitsgrad. Bei der jetzigen Aufmerksamkeit kann ich mir gut vorstellen, dass viele Leute ihre alten Grass-Bücher noch einmal aus dem Regal nehmen, um darin zu lesen, oder sich neuere Ausgaben der wichtigsten Werke kaufen. Und selbstverständlich werden auch wir unseren Beitrag dazu leisten, an den Autor Günter Grass zu erinnern.

Das ist für die Stadt ja auch ein gewisses Renommee ...

Natürlich ist auch die Stadt Sulzbach-Rosenberg ihm zu großem Dank verpflichtet. Durch Grass' Freundschaft mit Walter Höllerer kam der legendäre Koffer aus Paris schließlich hierher, in die Oberpfalz. Damit hat Grass - gemeinsam mit Höllerer - unserer Stadt, die ja sehr reich an kulturellem Erbe ist, ein weiteres unersetzbares Denkmal gesetzt.

Was bedeutet das für die Zukunft?

Es bedeutet in erster Linie, dass wir auch weiterhin verantwortungsvoll und wissenschaftlich reflektiert dieses wertvolle kulturelle Erbe pflegen werden.

Sie beabsichtigen für den Sommer eine Ausstellung zu Günter Grass - war das länger geplant oder ein spontaner Entschluss?

Wir haben uns noch am Montag, am Todestag von Günter Grass, entschieden, ihn im Sommer mit einer Kabinettausstellung zu würdigen. Es wird eine etwas kleinere, aber feine Ausstellung werden, die wir zusätzlich ins Programm nehmen.

Worauf legen Sie den Schwerpunkt der Ausstellung?

Den Schwerpunkt werden die 1950er Jahre bilden, als Grass in Paris lebte und an seinem großen Roman arbeitete. Im Koffer aus Paris befand sich ja noch viel mehr als das Typoskript der Blechtrommel.

Ist die Ausstellung auch räumlich schnell umsetzbar?

Wir mussten uns schnell entscheiden und haben kurzerhand beschlossen, einen Ausstellungsraum für diesen Zweck freizumachen. Wir sehen uns dazu auch verpflichtet. Viele Sulzbach-Rosenberger können sich noch gut an Grass' Besuche erinnern. Ihnen und allen anderen Besuchern unseres Hauses wollen wir die Gelegenheit bieten, das Erbe, das Günter Grass uns hinterlassen hat, genauer in Augenschein zu nehmen.
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