Ein Krug für alle

Mit dem blauen Eimer holt Meelis Sepp sein selbstgebrautes Bier aus dem Lagertank im Kühlhaus.

Biertrinker, die ihrer Passion im Urlaub nachgehen wollen, reisen durch Deutschland, nach Tschechien, Irland, England oder zu den Craftbeer-Avantgardisten in die USA. Estland ist gemeinhin eher als Revier für deutsche Bildungsreisende bekannt.

Dabei sind nicht nur die Brauereien in dem kleinen Land an der Ostsee überraschend kreativ. Es gibt dort oben im Baltikum auch noch eine ganz alte Tradition der Bierherstellung. Wie viele Bauern vor allem auf der Insel Saaremaa für Weihnachten, Mittsommer, Geburtstage und noch ein paar andere festliche Gelegenheiten selbst brauen, weiß niemand.

Das Verfahren erinnert an Bilder aus dem Mittelalter, wenn nicht sogar noch älter. Im Freilandmuseum der Metropole Tallin sind in einem Haus Kufen und Bottiche zu sehen, mit denen Männer wie Meelis Sepp oder sein Freund Jüri Mesila ihren Festtrunk herstellen. Das Gebräu öffentlich auszuschenken oder gar zu verkaufen, kommt für die beiden nicht in Frage. Es sind nur rund 200 Liter, die sie an einem Brautag herstellen. Mehr wäre wohl auch schwierig, denn da würden die Abkühl- und Rastzeiten des Sudes in den Holzbottichen nicht mehr passen (siehe Kasten).

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Außerdem entspreche ihre Art zu brauen wohl nicht den EU-Vorschriften, lachen die beiden. Es sei üblich, gemeinsam aus einem Krug zu trinken, sagt Kati Aus vom Tourismusbüro in Kuressaare. Im Idealfall sei der aus Holz. Zu kaufen gibt es ihn auf dem Markt gegenüber ihres Büros. "Wenn er einmal undicht ist, lege ich ihn ins Wasser." Ähnlich im Geschmack wie der der Hausbrauer ist der 7,6-Promille-Trunk, den die Bedienungen eine Querstraße weiter in der "Trahter Veski Tavern", dem Wirtshaus in der alten Windmühle, in Tonkrügen servieren.

Beeindruckend in der Kurstadt ist vor allem die Bischofsburg, die mit ihren Wehranlagen und den zwei Türmen wie eine riesige Sandburg zwischen Stadt und Ostsee steht. Das Innere beherbergt zwei Ausstellungen zur Inselgeschichte. Sehenswert ist vor allem die zu den Jahren ab dem Zweiten Weltkrieg bis zur Selbstständigkeit nach der "Singenden Revolution" 1991.

20 Kilometer weiter in Richtung Fähre zum Festland führt ein kurzer Abstecher zum Meteoriteneinschlagsfeld von Kaali. Ein großer und acht kleinere idyllisch von Bäumen gesäumte Krater zeugen von einer Katastrophe vor 5000 bis 10 000 Jahren auf der damals bereits bewohnten Insel. Im benachbarten Gasthaus gibt es das Inselbier mit dem Namen Taluõlu Pihtla Õlu.

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Gagarins Feriendomizil

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Weiter südlich auf dem Festland an der Ostseeküste liegt die Badestadt Pärnu. Noch etwas weiter in Richtung Lettland kann man im ehemaligen Urlaubsquartier der sowjetischen Kosmonauten in der Nähe von Häädemeeste einen Kaffee trinken oder in Jury Gagarins Haus übernachten.

Von internationalen Touristen geprägt ist die Hauptstadt Tallin mit vielen Museen, Souvenirläden und auf die ausländischen Besucher abzielenden Restaurants. Eine quirlige Studentenstadt mit Kneipen im Univiertel und Ausflugsmöglichkeiten zu den sogenannten Altgläubigen-Dörfern am Ufer des Peipsi-Sees ist Tartu, die zweitgrößte Stadt des Landes.

Weitere Sehenswürdigkeiten sind ehemalige Herrenhäuser wie das in Alatskivi, das ein Restaurant, Zimmer und ein Museum beherbergt. In der weitläufigen Natur finden sich immer wieder gut ausgebaute Wege durch Wälder und Moorgebiete. Außerhalb der großen Städte ist genaue Planung sinnvoll. Übernachtungsmöglichkeiten und Restaurants sind dünn gesät. Dies gilt umso mehr, wenn die Hauptreisezeit vorbei ist.
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