Ein Metallbeil gibt Rätsel auf

Mit grüner Patina überzogen, 11,6 Zentimeter lang, 240 Gramm schwer: das Beil, das Kurt Engelhardt im Ackerboden entdeckte. Bilder: Engelhardt/Völkl

Wann haben Menschen den Raum Pfreimd für sich entdeckt? Seit sechs Jahren ist Kurt Engelhardt, Kreisheimatpfleger für Archäologie im Landkreis Schwandorf, auf Spurensuche. Mit Erfolg.

Pfreimd. Schon lange vor seiner Berufung zum Kreisheimatpfleger wurde Kurt Engelhardt mit dem "Virus" Archäologie infiziert. Seit dem Jahr 2009 ist er im Raum Pfreimd unterwegs, um nach Hinweisen auf die Anwesenheit von Menschen in der Vor- und Frühgeschichte zu suchen. Wie eine Puzzle soll die Gesamtsituation des Pfreimder Raumes zusammengefügt werden.

Guter Grundstock

Dafür, dass es schon in der ausgehenden Altsteinzeit (40 000 bis 8000 v. Chr.) und im sich anschließenden Mesolithikum (bis 5500 v. Chr.) entlang der Naabachse und im Pfreimdtal durchziehende Jägergruppen, vielleicht sogar ganze Sippen gab, spricht zunächst eine Reihe von Funden, die der frühere Kreisheimatpfleger für Archäologie, Ernst Thomann, nördlich von Perschen am "Wolfsbühl", in der Haindorfer Flur "Sandäcker", im südlichen Bereich von Iffelsdorf in der Flur "Kapellenfeld" und im Norden von Pfreimd "In der Breite" und am "Wenzel" machte. Auch Funde des Archivars der Stadt Pfreimd, Helmut Friedl, im heute überbauten Bereich Sudeten- und Grünsfelder Straße erwähnt Engelhardt in dem Zusammenhang. Diese Befundlage setzt sich in den genannten Bereichen zwanglos in der Jungsteinzeit (5500 bis 2200 v. Chr.) fort, in der die bis dahin umherziehenden Menschen sesshaft wurden, Getreide anbauten und mit der Tierzucht begannen. Eben auf diese Jungsteinzeit und die sich anschließende Bronzezeit (2200 bis 1200 v. Chr. ) richtet Engelhardt sein Augenmerk.

Während der gesamten Steinzeit fertigten die Menschen Messer, Äxte und Beile, Pfeilspitzen und Harpunenbewehrungen fast nur aus dem "Stahl der Steinzeit", dem Silex oder Hornstein, an. Aber bereits in der Jungsteinzeit begannen sie damit, Gegenstände aus Metall herzustellen, wobei sie zunächst auf die Verwendung von Kupfer beschränkt waren: leicht zu verhütten und infolge seiner Weichheit gut zu bearbeiten. Erste Kupfergerätschaften tauchen im ober- und niederbayerischen Raum auf. Erst gegen Ende der ausgehenden Jungsteinzeit und in der sich anschließenden Bronzezeit (ab 2200 v. Chr.) begannen die Menschen dann, Gerätschaften aus der härteren Legierung Bronze zu fertigen.

Eine Dolchspitze

Mit diesen Vorkenntnissen begab sich Kurt Engelhardt in den Süden von Pfreimd, den Bereich zwischen Bauhof und neuer Kläranlage. Im Spätherbst 2009 fand der Kreisheimatpfleger bei uns nicht natürlich vorkommendes, also herbeigeschafftes Silexmaterial - Abschläge, Absplisse und Werkzeuge - aus der Mittel- und Jungsteinzeit. Aus dem Fundmaterial ragt allerdings ein Artefakt heraus, das ein interessierter Begleiter im September 2011 entdeckte: Die abgebrochene Spitze eines Dolches (4,5 Zentimeter breit und ebenso lang) aus Arnhofener Plattensilex. Dieses Material stammt aus der Gegend zwischen Kelheim und Abensberg. Die Dolchklinge selbst dürfte in unbeschädigtem Zustand zwischen 12 und 18 Zentimeter lang gewesen sein.

Im Dezember 2012 machte Engelhardt dann einen ungewöhnlichen Fund im Ackerboden: ein mit grüner Patina überzogenes Metallstück. Das 11,6 Zentimeter lange Beil mit symmetrischem Längsschnitt dürfte in unbeschädigtem Zustand wohl 12,5 Zentimeter lang gewesen sein. Auch dieses Beil muss man sich wie die Dolchklinge geschäftet vorstellen. Am wahrscheinlichsten ist seine Einpassung in einen winkelig abgebogenen Holzschaft, einen Knieholm, der an seinem kurzen Ende aufgespalten wurde, so dass das Metall eingefügt werden konnte, wahrscheinlich eingeklebt mit Birkenpech und außen fixiert mit Bast, Tiersehnen oder Kupferdraht. "Es könnte also in etwa so ausgesehen haben wie das Kupferbeil, das der um 3300 vor Christus lebende Ötzi bei sich trug", meint Engelhardt. War der vielleicht sogar ein Zeitgenosse des Mannes, dem das Pfreimder Beil gehörte?

"Es gibt eine Reihe von spannenden Fragen, was es mit diesem 240 Gramm schweren Beil auf sich hat", so Engelhardt. Die erste Überlegung betrifft das Material, aus dem es gefertigt wurde: Nach Einschätzung des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege besteht es wohl aus Kupfer und stammt vermutlich aus der Zeit der Altheimer Kultur (3800 bis 3400 v. Chr.). "Aus dieser Epoche wurden in Bayern überhaupt erst fünf Beile gefunden, in der Oberpfalz bislang noch keines", erläutert Kurz Engelhardt die Bedeutung. Nicht gänzlich auszuschließen ist allerdings auch, dass es sich bei dem verarbeiteten Material um Bronze handelt. Eine Materialanalyse soll Klärung bringen. Die zweite spannende Frage ist, woher das Beil eigentlich stammt. Wenn es aus Kupfer ist, käme als Ursprungsbereich die Gegend um den in Österreich gelegenen Mondsee in Betracht. Das Beil wäre dann relativ sicher der Altheimer Kultur zuzuordnen. Sollte es sich hingegen um die Legierung Bronze handeln, müsste man wohl davon ausgehen, dass es sich um ein Beil handelt, das in der Westschweiz und im Rhonegebiet, aber auch auf dem Balkan vorkam. Auch dieser Frage ist die Wissenschaft zurzeit auf der Spur.

Viele Fragen

Wie kam das Beil nach Pfreimd? Engelhardt kann sich durchaus vorstellen, "dass es sich im Besitz eines höher gestellten Mannes, wohl eines namhaften Kriegers, befand". Entweder stammte der aus einem der bereits genannten Bereiche, oder er brachte es von dort mit, "oder aber es gehörte einem zur Elite zählenden Mann aus unserem heimischen Bereich, der es, auf welche Weise auch immer, in seinen Besitz brachte". Und welche Funktion hatte es? War es eine Waffe, ein Arbeitsgerät? Darüber geben Gebrauchsspuren Aufschluss, doch sie fehlen. Es wird deshalb aller Voraussicht nach auch offen bleiben, ob das Beil nicht vielleicht als Zeremonialbeil bei rituellen Anlässen Verwendung fand oder als Statussymbol diente. Es könnte auch eine Grabbeigabe gewesen sein. Für Kurt Engelhardt stellt sich in dem Zusammenhang noch eine spannende Frage: Der erwähnte Dolch, dessen Spitze nur unweit vom Fundort des Beils entfernt lag, könnte sich eventuell im selben Grab befunden haben, das man dann wohl einem hochgestellten Krieger oder Anführer zuzuordnen hätte. "Jedoch fehlt bislang jeder Hinweis auf eine Bestattung in jenem Bereich", dämpft Engelhardt zu hohe Erwartungen.

"Es gibt viele spannende Fragen, von denen sich einige vielleicht klären lassen", fasst Engelhardt mit Blick auf noch ausstehende Auswertungen von Spezialisten zusammen. "Fest steht aber mit Sicherheit schon jetzt, dass der beschriebene Fundbereich von herausragender Qualität ist, und jeder Schritt, der uns durch weitere Funde und die Klärung ihrer Bedeutung künftig gelingt, die Ortsgeschichte Pfreimds bereichern wird."
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