Ein Name made in Austria?

Idyllisch ruhig und einfach schön. Auch das verbindet den kleinen Einödhof bei Hessenreuth mit der Region in den Bergen. Bilder: is
 
Ein echter Tyroler: Robert Steinkohl am Ortsschild an der Bundesstraße.

Tyrol liegt zwischen Erbendorf und Pressath. Wie der Einödhof bei Hessenreuth zum Namen kam, ist eine interessante Geschichte - die dummerweise keiner genau kennt. Ein guter Tipp kommt aber aus Erbendorf.

(wüw) An Ortler und Wildspitze reicht der Hessenreuther Wald nicht heran, ein wenig alpin ist der Höhenzug zwischen Kemnath, Pressath und Erbendorf trotzdem - liegt doch Tyrol an seinem Fuße. Abgesehen von dem "y" im Namen unterscheidet sich der Einödhof an der Südseite des Abspanns von Tirol noch in mindestens einem weiteren Punkt: Woher der Name des österreichischen Bundeslands stammt, ist gut belegt. Wie aber Tyrol in die Oberpfalz kam, darüber rätseln die Heimatforscher.

Auch Robert Steinkohl kann nicht viel zu dem Namen des Hofes sagen, auf dem er sein ganzes Leben verbracht hat. Mit sechs Geschwistern sei er dort aufgewachsen. Er weiß, dass das heutige Wohnhaus 1958 einen Vorgängerbau ersetzt hat und dass das Anwesen seiner Familie mindestens seit der vorletzten Jahrhundertwende gehört. Interessieren würde ihn natürlich auch der Ursprung des ungewöhnlichen Namens. "Aber die Zeit zum Nachforschen habe ich einfach nicht." Einen Tipp kann er noch geben: "Tyrol ist nicht nur der Name unseres Hofs. Die ganze Gemarkung heißt so. Vielleicht weiß man beim Forst mehr."

Nein, weiß man nicht: Dabei war Steinkohls Tipp nicht schlecht. Tatsächlich ist der Name beim Staatsforst gut bekannt, der frühere Chef des Pressather Forstamts, Albert Butscher, interessiert sich auch sehr für Forstgeschichte und die historische Bedeutung der Namen. "Aber bei Tyrol habe ich nie eine Erklärung gefunden", sagt der heutige Seniorenbeauftragte der Stadt Pressath.

Missverständnis

Aus Erfahrung weiß er, dass Oberpfälzer Ortsnamen oft auf Missverständnissen beruhen: "Als die Landvermesser aus der Stadt kamen, hatten sie Probleme mit dem Dialekt der Menschen", weiß Butscher. Wegen der Verständigungsschwierigkeiten änderte sich manchmal über Nacht der offizielle Name eines Dorfs. "Im Volksmund heißt der Weiler Herzogspitz heute noch Hirtenspitz, und Weha bei Kastl kommt vom Wehr der Haidenaab." Ob auch Tyrol wegen eines Übersetzungsfehlers so heißt? Butscher muss da passen. "Es würde mich sehr interessieren." Bislang habe er bei seiner Forschung keine Antwort gefunden.

Überhaupt gibt es zu Tyrol und Hessenreuth wenig Historisches zu lesen. Das könnte an der Lage zwischen Erbendorf, Kemnath und Pressath liegen. Kein Heimatforscher fühlt sich da so recht zuständig. Heute gehört Tyrol zur Stadt Pressath, lange war der Hof aber Teil des Kemnather Lands, noch heute betreut der Pfarrer von Kastl Hessenreuth und Tyrol als Filiale. Aber Hans Walter kann nichts zur Wahrheitsfindung beitragen. Dabei kennt der Heimatforscher die Geschichte der Pfarrei Kastl vermutlich besser als jeder andere, hat er doch sogar die Pfarrchronik des Orts teilweise verfilmt.

Kommunalpolitisch ist der Pressather Heimatpflegebund seit der Gemeindereform zuständig. Aber auch dessen Vorsitzender Josef Neuber muss abwinken, nachdem er mit Archivarin Barbara Zankl die Unterlagen gesichtet hat. Immerhin haben die beiden herausgefunden, dass der Name bereits 1841 im Urkataster auftaucht, im Jahr 1795 habe eine Familie Pöllmann das Anwesen übernommen und im Jahr 1616 taucht es noch als "Im Eisengraben" in den Urkunden auf. Wann und vor allem weshalb daraus Tyrol wurde? Die Heimatpflegebund-Archive geben keine Antwort. Ließen sich die Namensgeber vom Land der Berge für den Ort am Berg inspirieren? Eckhard Bodner kann es sich vorstellen. Wissen tut es der Pressather Verleger vieler heimatgeschichtlicher Schriften nicht, obwohl er sich extra durch den Nachlass des Kastler Heimatforschers Josef Scheidler gearbeitet hat.

Keine Gewissheit

Gewissheit liefert auch Jochen Neumann als letzte Hoffnung der Recherche nicht. "Zur Einöde Tyrol ist wenig bekannt. Im Historischen Atlas für Bayern wird für das Jahr 1824 ein Wohngebäude mit einer sechsköpfigen Familie genannt", hat Neumann zunächst schlechte Nachrichten. Aber der Erbendorfer Archivpfleger hat in seinen Büchern doch vielversprechende Indizien entdeckt (Hintergrund). "Ich kann mir vorstellen, dass Auswanderer aus den Alpen den Namen aus ihrer Heimat mitbrachten", sagt Neumann. Für möglich hielten dies auch andere Heimatforscher. Aber Neumann hat auch Belege, dass tatsächlich Tiroler in Hessenreuth siedelten. "Dass sich in Hessenreuth Menschen aus anderen Regionen niederließen, finde ich nicht abwegig. Der Ort lag an der wichtigen Handelsstraße von Nürnberg nach Eger." Gut möglich also, dass Tyrol seinen Namen tatsächlich aus Österreich importiert hat.
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