Ein richtiges Kunstwerk

Martin in Amberg hat Fieber. So sagt es Statiker Alois Landgraf. Er muss es wissen, denn er ist der "Doktor", der den Patienten heilen soll.

Mit einem Ruck setzt sich der Aufzug in Bewegung. Er ist noch etwas kleiner als der, der uns zunächst auf Höhe des Dachfirsts von St. Martin gebracht hat. Im morgendlichen Nebel wird die Stadt da unten sehr schnell ganz winzig. Es ist ein seltsames Gefühl, draußen am Gerüst zu hängen, unter uns nichts als ein dünnes Blech und rund 80 Meter freier Fall. Dann stockt der Aufzug, wir sind in Höhe der barocken Kuppel angelangt.

"Wir können von außen reingehen", sagt Alois Landgraf und turnt durch das Loch, das sich im Kupferblech der Kuppel vor uns auftut. Drinnen wartet schon Eduard Punzmann, der Spezialist für Dachstühle von der Firma Schedl aus Windischeschenbach, Ortsteil Bernstein. Während Punzmann nüchtern die Schäden zeigt, welche eindringende Feuchte und unzählige Generationen von Tauben im Dachstuhl hinterlassen haben, gerät Alois Landgraf ins Schwärmen.

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Ein Kunstwerk sei er, dieser Dachstuhl, der es von der Höhe her locker mit einem Mehrfamilienhaus aufnehmen könne. Ein barockes Meisterwerk, wie man es selten zu Gesicht bekomme. Hervorragend gearbeitet von den Zimmerern und Schreinern des frühen 18. Jahrhunderts. "Mit so etwas Perfektem habe auch ich nur ab und zu zu tun", schwärmt Landgraf.

Schon zwängt er sich durch eine enge Bodenluke, klettert eine alte Stiege hinab und befindet sich mitten im Gebälk. Sternförmig laufen die dicken Bohlen auf die Mitte zu, wo sie sich zentral im Königsbalken treffen. "Da ist ja ganz was Interessantes", sagt Landgraf und balanciert behände über einen der Balken. "Ist alles nur Gewöhnung", sagt er in Richtung des Reporters, der mit einigem Bangen nach unten schaut. Ein paar Meter geht es da hinab, ohne Netz und doppelten Boden - direkt zum oberen Glockenstuhl der Kirche.

Doch einige schwindelige Meter weiter wartet tatsächlich eine kleine Sensation. Statt mit den üblichen Zimmerer-Zeichen hat sich hier der Erbauer des Dachstuhls, Schreinermeister Hanns Michel, mit einem geschnitzten Wappen verewigt. 1725 hat er das Werk vollendet, rund 300 Jahre nachdem mit dem Neubau der Martinskirche begonnen worden war.

Seither ist hier nicht mehr viel geschehen. Ein paar kleinere, kosmetische Reparaturen, natürlich. Aber an eine Generalsanierung hat sich bisher noch keiner gewagt. "Es haben aber auch erst wir die Techniken, die wir dafür brauchen", sagt Alois Landgraf. So klafft ein jeder barocker Dachstuhl an den Verbindungsstellen der Balken irgendwann einmal auseinander. Das ist ein Konstruktionsfehler, der auf einer barocken Normvorschrift beruht, die auch von der EU stammen könnte, wie Landgraf anmerkt.

"Wir können diese Balken wieder zusammenziehen" sagt Landgraf. Mit Hilfe einer Technik, die aus dem Möbelbau kommt. "Das Patent stammt von Ikea, die bauen damit Regale zusammen." Inzwischen wird die schwedische Möbelverbindung auch von den Sanierern im großen Stil verwendet.

Schon ist Alois Landgraf wieder durch das Loch im Dach nach draußen verschwunden. Beim Aufstieg zur Turmspitze über eine schmale Außentreppe zeigt er Löcher und Risse in der Kupferhaut der Kuppel, welche die Stürme der Jahrhunderte hinterlassen haben. Die mächtige Kugel an der Spitze der Kuppel kommt auch noch runter, sie wird komplett ersetzt. "Wir sind schon gespannt, was wir darin finden", sagt Landgraf. Eine Urkunde, Geld oder Gegenstände des alltäglichen Lebens der Barockzeit sind hier wahrscheinlich sorgsam eingelötet.

Und dann sind wir ganz oben. 92 Meter über der Vils, in welcher der Martinsturm zum Teil steht. Die Wetterfahne bewegt sich ganz leicht im Wind, auch nach drei Jahrhunderten ist sie noch gut in Schuss. Ein Foto für das Familienalbum muss sein, dann geht es über schmale und steile Leitern wieder nach unten.

Wir sind nun auf Ebene 22 - die Baustelle ist sorgfältig strukturiert wie ein gutsortiertes Hochhaus. Alois Landgraf erzählt und erklärt. "Die Folie da außen rum ist da, damit auf dem Gerüst niemand schwindelig wird", sagt er. "Aber oben haben sie die Arbeiter schon wieder entfernt, weil sie einfach stört." Über die gesamt steinerne Außenhaut des Turms ziehen sich deutlich sichtbar Risse. Doch das macht jetzt nicht mehr viel aus. Wichtig war, dass das Fundament durch die Betoninjektionen in den Boden (siehe Baugeschichte) stabilisiert werden konnte.

"Die Ursache ist jetzt abgestellt", sagt Alois Landgraf, "jetzt fangen wir an, den Kranken mit seinem Fieber zu sanieren." Das geschieht beispielsweise durch den Einbau von sieben neuen Metallankern. Mit einer ganz speziellen Bohrmaschine arbeiten sich die Arbeiter quer durch das Mauerwerk des Turms, ziehen einen langen Stahlstab ein und verkleben ihn. Das hält ewig - sagt der Experte.

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Vorsichtig arbeiten

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Gleichzeitig verpressen die Spezialisten die Risse, in denen teilweise schon die Tauben gebrütet haben, mit Kalkmörtel. "Ihr müsst da ganz vorsichtig arbeiten", ermahnt Alois Landgraf seine Leute an einem über 50 Zentimeter tiefen Loch, an dessen Ende nur loses und wackeliges Gemäuer zu finden ist. An einem der gewaltigen Fenster fehlt der Schlussstein. Er ist wahrscheinlich vor vielen Jahren schon in die Vils hinabgestürzt.

Erst wenn alle Bauschäden beseitigt sind, kommen die "Kosmetiker". So nennt Alois Landgraf die Bauhandwerker, die dafür sorgen, dass die Schmuckornamente ergänzt und erneuert werden. Die für die äußere Schönheit der Kirche zuständig sind. "Von unserer Arbeit sieht man dann nichts mehr." Im Frühjahr 2015 soll die Grundsanierung des Turms stehen, dann folgt das Langhaus. Bis 2017 werden die Arbeiten laufen, rund 5,7 Millionen Euro kosten sie.
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